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Badische Zeitung vom 30. Juni 2009

Schlammschlacht um Woodstock

 

Vor 40 Jahren, im August 1969, fand das Rockfestival von Woodstock statt. Eine halbe Million Hippies versank im Schlamm, sie feierten es wie die Kinder. Richie Havens sang die Hymne "Freedom", Jimi Hendrix zerfetzte das "Star Spangled Banner". Durch den Film und die Platten, die von den "Three Days of Peace and Music" zeugten, wurde Woodstock zum Mythos der amerikanischen Sixties. Zum Geburtstag erscheinen jetzt neue Bücher – welche die Legende feiern oder sezieren.

 

Das Fotobuch: Ein Menschenmeer vor der Bühne. Die verstopften Zufahrtsstraßen. Der Sturm über der Bühne. Ohne die Aufnahmen aus "Woodstock", dem Film, wäre das Festival kein Mythos geworden. Who-Sänger Roger Daltrey in der Fransenjacke. Das Supertrio Crosby, Stills and Nash mit seinen akustischen Gitarren. Der dicke Bob Hite von Canned Heat beim Tanzen auf der Bühne. In dem Fotobuch "Woodstock" (Collection Rolf Heyne, 288 Seiten, 39,90 Euro) sind sie alle noch mal zu sehen. Und einige mehr. Während Filmregisseur Michael Wadleigh sich die Freiheit nahm, einige der Auftretenden wegzulassen, folgt das Buch chronologisch dem Geschehen. So sieht man auch Tim Hardin, der nur zwei Songs sang, weil er zugedröhnt war. Oder The Band, die nicht im Film auftauchten, weil ihrem Manager das Honorar zu gering war. "Woodstock", das Buch, ist eine schöne Ergänzung des Films.

 

Das Musikbuch: Die elfminütige Tour de force "I’m Going Home" von Alvin Lee. Die aufgewühlte "Sea of Madness", bei der sich Neil Young zu Crosby, Stills and Nash gesellte. Jimi Hendrix’ explodierende Version der Nationalhymne. Neben dem Film schuf die Dreifach-LP "Woodstock" den Mythos. Aber war die Musik durchgängig so gut? Der Journalist Frank Schäfer hat für "Woodstock ’69 – Die Legende" (Residenz Verlag, 208 Seiten, 17,90 Euro) aufgespürt, was gespielt wurde, was auf der späteren CD-Box war, was im Internet kursiert. Er preist Sly Stone ("I want to take you higher"): "Stones Hammond B-3 und die Gitarre seines Bruders Freddie setzen metrische Akzente, wie es überhaupt nur Rhythmusinstrumente in dieser Band zu geben scheint – und Woodstock schüttelt sich die Müdigkeit aus den Gliedern, um 3.30 Uhr am Morgen." Anderes rückt er in Perspektive. The-Who-Gitarrist Pete Townshend hat Woodstock gehasst, weil er als britischer Mod nicht ans Hippietum glaubte. "Aber Woodstock bemerkt nichts oder wagt angesichts der schieren Gewalttätigkeit, destruktiven Energie und schlichten Größe, mit der The Who in dieser Nacht den Hügel erstürmen, keinen Widerspruch", schreibt Schäfer. Von wegen drei Tage des Friedens. Ein differenziertes Bild entsteht. Und der Leser freut sich auf die CDs, die zum Jubiläum erscheinen sollen.

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Die Abrechnung: Einiges, was nie auf dem Plattenmarkt zu haben war, hat Maik im Plattenschrank, ein Bootlegger, der illegale Konzertmitschnitte machte. Für Jörg Güldens "Woodstock – Wunder oder Waterloo?" (Hannibal, 256 Seiten, 14, 95 Euro) ist er der Hauptbelastungszeuge. Der vor kurzem überraschend gestorbene Gülden war Redakteur bei "Sounds" und "Rolling Stone", er pflegte einen subjektiv-flapsigen Schreibstil. Gülden will Woodstock niedermachen und schreckt vor Unterstellungen nicht zurück. Über den Organisator Michael Lang schreibt er, der hätte wohl Manets "Frühstück im Grünen" im Kopf gehabt: "einander liebevoll zugetane Menschen campieren auf einer Waldlichtung, schmusen und gucken restlos glücklich aus ihrer teilweise nicht vorhandenen Wäsche, lauschen sphärischen Klängen". Von irgendwelchen Äußerungen Langs ist das ungetrübt, aber so lässt sich leicht darüber spotten, dass dann mit dem Regen alles anders kam. "Ein jammernder Folksänger nach dem anderen", zitiert Gülden seinen Freund Maik, der da war, in Woodstock. Die Negativgeschichte des Mythos.

 

Die Financiers: Eine eigene Hälfte zur Historie haben auch Joel Rosenman und John Roberts beizutragen, die Unbekannten von Woodstock. Vier junge Männer haben das Festival organisiert, im Film kommen nur die langhaarigen Michael Lang und Artie Kornfeld vor, die für die Künstler und die Bühne Verantwortlichen. Die kurzhaarigen Rosenman und Roberts waren die Financiers, Anfangszwanziger aus guten jüdischen Häusern. Mit Kapital, das sie in gute Geschäftsideen investieren wollten. Auf was sie sich mit Woodstock einließen, ahnten sie nicht. Roberts starb 2001. 1974 hatten er, Rosenman und der Journalist Robert Pilpel ihre Story aufgeschrieben. Der Freiburger Verlag Orange Press hat "Making Woodstock" jetzt übersetzen lassen (286 Seiten, 20 Euro). Eine köstliche Lektüre. Weil mit Rosenman/Roberts und Lang/Kornfeld zwei Kulturen aufeinanderprallten und weil die Sache so aus dem Ruder lief. Rosenman/Roberts beschreiben ihre Panik, als die Masse der zum Festival Strömenden immer größer wird, die verzweifelten Versuche, Essen aufs Gelände zu bekommen und – per Hubschrauber – die Künstler zur Bühne. Dass die beiden Veranstalterduos sich eine Schlammschlacht ums Geld lieferten, wird angedeutet. 1,3 Millionen Dollar Schulden hatte ihre Firma. Die Beteiligung an dem erfolgreichen Film war so klein, dass Rosenman und Roberts erst Jahre später schuldenfrei waren. Was Rosenman nicht hinderte – nachdem er sich mit Lang wieder zusammengerauft hatte – die Nachfolgefestivals 1994, 1999 und vielleicht noch dieses Jahr zu organisieren.

 

In der Reihe "Freiburger Andruck" lesen Übersetzerin Adelheid Zöfel, Kulturtheoretiker Klaus Theweleit und Journalist Manfred Poser aus "Making Woodstock", Do, 2. Juli, 20 Uhr, Alter Wiehrebahnhof, Freiburg.

 

Einen Vortrag mit dem Titel "Woodstock – Ende einer Ära" hält der Historiker Dirk Görtler heute, 20 Uhr c.t., im Freiburger Carl-Schurz-Haus.

 

Autor: Thomas Steiner


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