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Badische Zeitung vom 24. Juni 2009

Festival "Bitte wenden": Diskussion mit Herta Müller und Juri Andruchowytsch

 

Das Freiburger Literaturfestival "Bitte wenden" ist im dicht gepackten Kulturprogramm des Wochenendes ein wenig untergegangen. Das ist schade, denn immerhin kamen Marcel Beyer, Kurt Drawert, Jachym Topol und andere hochkarätige Autoren, um zwanzig Jahre nach dem Mauerfall seine Folgen für die deutsche und osteuropäische Literatur zu bilanzieren. Abschluss und Höhepunkt war der Auftritt von Herta Müller und Juri Andruchowytsch im Wiehrebahnhof: Zwei Autoren, durch Welten getrennt, aber vereint durch ein Thema, gemeinsame Erfahrungen – und die umsichtige Moderation Helmut Böttigers.

 

Müller ist so etwas die Schmerzensmadonna der rumäniendeutschen Literatur. Schon vor der Wende hat sie mit poetischer Kraft und politischer Unerbittlichkeit ihre Verfolgung durch die Schergen und Spitzel Ceaucescus und seiner Helfershelfer in der deutschen Minderheit angeprangert, und seither ist sie nicht müde geworden, vor der fatalen Kontinuität einer faschistisch-kommunistischen-postsozialistischen Schreckensherrschaft zu warnen, der nur die Sprache Widerstand entgegensetzen kann. Müllers fast monochrome Schwarzmalerei und Fixierung auf die alten Seilschaften, "windigen" Wendehälse und unverbesserlichen "Moskowiter", die Politik, Gesellschaft und Kultur Osteuropas angeblich immer noch fest im Griff halten, kann zwei Jahrzehnte nach 1989, in einer Epoche, in der die alten ethnischen und ideologischen Differenzen langsam verblassen, schon ein wenig nerven. In Freiburg zeigte sich die bekennende "Angstbeißerin" für ihre Verhältnisse geradezu gut gelaunt, ohne allerdings einen Fußbreit von ihrem Lebensthema abzuweichen: Als "vom System verstörtes" Opfer von Ausgrenzung, Demütigung und Morddrohungen kann und will sie sich so wenig häuten wie die Überlebenden von KZ und Krieg.

 

Anders der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch: Er verdankt der Wende seinen Durchbruch in Europa und hat wohl auch ein weniger düsteres Naturell. Der Blick zurück, den er in Romanen wie "12 Ringe" oder "Moscoviada" auf seine Kindheit und Jugend warf, ist nicht verbittert durch Zorn, Hass und Misstrauen, sondern verklärt von milder Ironie, sanfter Nostalgie und absurder Komik: eine Liebeserklärung an sein Land und seine Landsleute, zuversichtlich trotz allem. Müller las in Freiburg aus ihrem Text "Wenn etwas in der Luft liegt, dann ist es meist nichts Gutes", während man von Andruchowytsch auch Sätze wie "Irgendwie wird’s schon weitergehen" oder "Es hätte schlimmer kommen können" hörte: Wo für sie die Wende nur ein Glied in einer langen Kette von Lüge, Niedertracht und Verrat ist, hört er selbst mit einer Kugel im Kopf nicht zu scherzen auf und nimmt auch den Bruderkrieg im Fußball sportlich. Die Niederlage Dynamo Kiews gegen Spartak Moskau in den Siebziger Jahren war bitter für den kleinen Juri, aber wenn er heute die Brasilianer von Kiew gegen die Brasilianer von Schachtjor Donezk spielen sieht, empfindet er gar nichts mehr.

 

Der Alltag der Globalisierung hat auch die Ukraine erreicht, die Träume der Wende und der orangenen Revolution sind verflogen: Kein Grund, Trübsal zu blasen. Andruchowytsch ist illusionslos in der europäischen Gegenwart angekommen und kann die Schatten der Vergangenheit spielerisch "weglachen". Herta Müller dagegen kommt von ihrem Trauma nicht los: Für sie ist die Angst Urgrund und Triebkraft allen Schreibens und die Kunst alles andere als heiter und unverbindlich. Immerhin, als sie Literatur mit einer rumänischen Redensart als die Kunst definierte, "aus Scheiße eine Peitsche zu machen, und dann soll sie auch noch knallen", konnte selbst sie sich das Lachen nicht verbeißen. Das macht dann doch Hoffnung.

 

Autor: Martin Halter


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