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Badische Zeitung vom 16. Juni 2009

Die Nacht, als die Mauer fiel

 

Als die Mauer fiel, war Angela Merkel in der Sauna. Dass die von Günter Schabowski irrtümlich von einem Zettel abgelesene Mitteilung, ab sofort seien Reisen in den Westen möglich, das Ende der DDR besiegelte, darf als historischer Treppenwitz gewertet werden – und setzte der Implosion des Systems die Krone auf. Wie haben deutsch-deutsche Schriftsteller "Die Nacht, in der die Mauer fiel" erfahren? Dies fragte der 1977 in Dresden geborene Essayist Renatus Deckert 25 Autoren. Die Anthologie, die daraus entstanden ist, stellt der Herausgeber am 20. Juni um 20 Uhr zum Auftakt eines bemerkenswerten dreitägigen Freiburger Literaturfestivals mit dem koketten Titel "Bitte wenden!" vor. Dabei im Alten Wiehrebahnhof: Kathrin Schmidt, Jahrgang 1958, die in der DDR nicht zu den Dissidenten zählte und sich mit einem mutigen "Brief zur Nacht" zu Wort meldet, und Thomas Rosenlöcher, geboren 1947 in Dresden, der den Wendeherbst in seinem Tagebuch "Die verkauften Pflastersteine" protokolliert hat und den 9. November angeblich verschlafen hat.

 

"20 Jahre Mauerfall in der Literatur": ein großes, ein unabsehbares Thema. Das Freiburger Literaturbüro scheut unter seiner ambitionierten Leiterin Stefanie Stegmann metropolitane Herausforderungen nicht. Mit finanzieller Unterstützung zahlreicher Institutionen von der Bundesstiftung der Aufarbeitung der SED-Diktatur bis zur West-Ost-Gesellschaft Südbaden ist es ihr gelungen, eine ganze Phalanx renommierter Autoren an den westlichen Rand des Wendelandes zu locken: Marcel Beyer und Kurt Drawert, Herta Müller und Juri Andruchowytsch, Jáchym Topol und Wojciech Kuczok, Attila Bartis und Georgi Gospodinov.

Es wird ein Blick weit über die Mauer und ihren Zusammenbruch sein. Die gesamte osteuropäische Landschaft ist seit 1989 neu vermessen worden – mit auch künftig unauslotbaren Folgen. Die Schriftsteller, die in diesen Landschaften leben, sind oft genug Wanderer: topographisch, sprachlich, zeitlich. Sie halten sich gern in "Gedächtnisräumen" auf – so der Titel eines Gesprächs am 20. Juni um 15 Uhr mit Beyer, dem Westdeutschen, der in Dresden lebt und in seinem jüngsten Roman "Kaltenburg" ein Geschichtspanorama von den dreißiger Jahren bis heute entwirft, Oleg Jurew, dem Leningrader, der in Frankfurt lebt und in seinem Roman "Die russische Fracht" eine abenteuerliche Schiffsfahrt schildert, und dem Prager Topol, dessen Geschichtsfiktion "Zirkuszone" die historische Spanne von 1945 bis zum Prager Frühling umfasst.

 

Zu "Gegenschlägen" (20. Juni, 20 Uhr) holen Drawert ("Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte") , Bartis ("Die Ruhe") und Kuczok aus, der in "Dreckskerl" die Fortsetzung repressiver Gewalt in der Familie schildert. Zum Abschluss (21. Juni, 11 Uhr) lesen und diskutieren Herta Müller, die die Überwachung im Ceausescu-Staat in Texte von erbitterter Genauigkeit gegossen hat, und der Ukrainer Andruchowytch, der in seinem 1993 erschienenen Roman "Moscoviada" den Untergang des – eben nur – "halbtoten" Imperiums Sowjetunion beschreibt.

 

Weitere Informationen unter:

www. inter-est.de und www.bitte-wenden.org

 

Von bs

 


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