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Badische Zeitung vom 23. April 2009

Der Gral ist der Pokal

 

Elfriede Jelinek hasst den Sport. Der Sport, besonders in seiner männerrituellen Variante, gehört zu ihren Lieblingsthemen, die ja grundsätzlich immer Hass- und Nestbeschmutzerthemen sind. Im "Sportstück", 1998 von Einar Schleef in einer denkwürdigen chorischen Inszenierung am Wiener Burgtheater uraufgeführt, hat die österreichische Literaturnobelpreisträgerin erstmals mit aller rhetorischen Wucht auf die Leibesübungen und den aus ihrer linksfeministischen Sicht verbundenen paramilitärischen Drill eingedroschen. Mit "Sportchor", einem zur Fußballweltmeisterschaft 2006 entstandenen Hörspiel, führt Jelinek den zweiten Schlag: naturgemäß gegen des Mannes – nach oder vor der Frau – größtes Objekt der Begierde, den Kampf von zweimal elf Freunden, bei dem, wie jeder auf diesem Erdball weiß, das Runde ins Eckige muss. Der Gral ist der Pokal, um Jelinek zu zitieren. Als Beitrag zur Reihe "Sportgeschlechter – Geschlechtersport" (siehe nebenstehenden Artikel) ist das von Leonard Koppelmann inszenierte Stück noch einmal in der Freiburger HörBar zu erleben.

 

Jelineks literarisches Verfahren besteht in der absatzlosen Montage von Textflächen. "Sportchor" begibt sich mit Furor in die schlicht gestrickte Welt der Trainer, Spieler, Manager, Sportjournalisten und weidet sich mit Lust an den weit gestreuten, um nicht zu sagen flächendeckenden Sprachklischees der Branche; führt die allseits bekannten Sprechweisen, Spielkommentare, Sprüche vor, um sie mit einem leichten Dreh ins Absurde zu demontieren. Es spricht, wie der Titel sagt, ein kollektives "Wir" – in der Welt des Fußballs ist es nun mal so, dass einer für alle und alle für einen stehen. In der Produktion des Bayerischen Rundfunk ist das Wir auf eine Stimme zusammengeschrumpft – die von Stefan Kaminski. Auch wenn sich der Sprecher als höchst variabel erweist: Dieser Sportchor kommt doch schmalbrüstig daher. Auch die musikalischen Einsprengsel zwischen Nationalhymne und der Erkennungsmelodie des ZDF-"Sportstudios" können dieses Manko nicht wettmachen. Trotzdem: Man hört es gern, wenn Männer dabei entlarvt werden, ziemlich blödes Zeug von sich zu geben.

"Sportchor" heute 20 Uhr, Kommunales Kino, Freiburg.

 

Von Bettina Schulte

 


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