Fußballhype? Pillepalle!
Mit Fußball verbinden wir das Bild eines trainierten Sportlers, gesund, athletisch, männlich. Frauenfußball – naja, erfolgreich sind die deutschen Sportlerinnen ja, aber weder verdienen sie die Millionen Euro der Männer noch ziehen sie Millionen Zuschauer an. Frauen und Fußball – noch immer ist das keine problemfreie Beziehung. Und dann schreiben Frauen auch noch über Fußball?
Für Antje Rávic Strubel war es ein Kampf. "Sonst bin ich beim Schreiben nicht so voller Widerstand." Trotzdem hat sie über Fußball geschrieben, ein Sport, gegen den sie an sich nichts hat – der aber allzu oft im Dienste einer Macht stehe, ob nun einer Diktatur oder einer Demokratie. Rávic Strubel steckt ihre Hauptfigur also in Fußballschuhe, stellt sie auf einen Fußballplatz – und jeder Satz dokumentiert ihren Unwillen, die Geschichte zu schreiben. Die Geschichte von Gro, die diesen Fußballhype "pillepalle" findet, noch dazu ein Hype um eine "Herrenmannschaft, die immer wieder versagt", Gro, der die Trainerin sagt, sie habe zu lange Haare, um ordentlich Fußball zu spielen.
Figuren mit gebrochenem Verhältnis zum Sport
"Sportgeschlechter – Geschlechtersport" heißt eine Veranstaltungsreihe des Zentrums für Anthropologie und Gender Studies der Universität Freiburg (ZAG), in der es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Zusammen mit dem Literaturbüro und der Jos-Fritz-Buchhandlung hat das ZAG die Schriftstellerinnen Annette Pehnt und Antje Rávic Strubel in den Alten Wiehrebahnhof eingeladen, um an diesem Diskurs mitzuwirken. Beide haben für die Fußball-Anthologie "Aus der Tiefe des Traumes" Texte verfasst. Keine Fußball-Heldengeschichten, sondern Geschichten von Außenseitern, von Figuren mit einer gebrochenen Sportidentität. Hannes, der Junge im Rollstuhl, bei Annette Pehnt, und Gro, die Fußballerin, bei Antje Rávic Strubel – beide genügen sie so gar nicht dem Bild des Sportlers.
Symbole von Männlichkeit und Weiblichkeit durchziehen beide Texte. Hannes, das behinderte Heimkind, ist allein darum schon einer, der nicht dazugehört – aber auch in der Gruppe der Heimkinder gibt es die stärkeren und die schwächeren. Hannes, der zu lange Haare hat (die Autorinnen versichern, sich nicht abgesprochen zu haben), der reiten lernt – ganz klar, dass er beim Kicken auf dem Gang nicht mitmachen darf. Der Ausgrenzungsmechanismus, der per se zum Sport zu gehören scheint, er ist es, der den Autorinnen zuwider ist.
Gleichwohl biete Fußball für viele Menschen die Chance, das Ungeliebte des Alltags zu überwinden, warf Sportwissenschaftlerin Petra Gieß-Stüber in die Diskussion ein. Fan sein als Identifikation. Rávic Strubel, in Potsdam geboren, in der DDR aufgewachsen und "zwangsversportisiert", sieht Fußball und vor allem die Fußballweltmeisterschaft 2006 kritischer: Als Instrument der Politik hat sie die WM erlebt.
Und doch hat sich Antje Rávic Strubel genau wie Annette Pehnt in den Dienst der WM gestellt. Der Deutsche Fußballbund gab Geld für die Fußballanthologie, diesen Gegendiskurs zur WM: Führen durfte ihn die Literatur – so oft für den Gegendiskurs zuständig – und innerhalb der Literatur die schreibenden Frauen. Auch das lässt schließen auf das Geschlechterverständnis im Fußball.
Von Silke Kohlmann

|