Raus aus dem Dachkämmerchen
Auch wenn ein Standort noch nicht gefunden ist: Mit einem höheren Zuschuss für das Literaturbüro hat der Gemeinderat am letzten Dienstag das Fundament für ein Literaturhaus Freiburg gelegt. Der Grundriss, den Literaturbüro-Leiterin Stefanie Stegmann für den Ausbau der regionalen Literaturvermittlung entworfen hatte, fand ebenfalls ungeteilte Zustimmung.
Zusätzlich 37 000 Euro bekommt das Literaturbüro bis zum nächsten Jahr. Mit dem jetzt freigegebenen Geld sollen die Teilzeitstelle der Leiterin aufgestockt und eine zusätzliche Stelle geschaffen werden. Personelle Verstärkung tut nach Ansicht der Gemeinderäte not, schließlich habe Stegmann Großes vor: Aus dem kleinen Büro im Alten Wiehrebahnhof soll ein ganzes Literaturhaus werden – ein literarisches Kompetenzzentrum mit Sitz inmitten der Stadt und Ausstrahlung in die ganze Region.
In der „Stadt der Künste“, die Freiburg laut Kulturkonzept sein und werden will, sollen damit auch Poeten und ihr Publikum einen festen Platz bekommen. Dass es eine örtliche Literaturszene nicht nur gibt, sondern sie in Wort und Wirkung immer weitere Kreise zieht, darauf deutet nicht nur die Anwesenheit renommierter Autoren und Übersetzer in der Stadt, sondern auch das ausgeprägte Interesse der Freiburger an literarischen Darbietungen von der Lesung bis zum Workshop.
Im Zentrum dieses Veranstaltungskaleidoskops steht seit etlichen Jahren das Literaturbüro. 1988 zusammen mit seinem Trägerverein Literaturforum Südwest gegründet, hat es sich zum wichtigen Impulsgeber und zur Anlaufstelle für Literaturschaffende und -freunde in Freiburg und Umgebung entwickelt. Seit 2005 schreibt Stefanie Stegmann als Büroleiterin weiter an der Erfolgsgeschichte – und machte einen richtigen Bestseller daraus: Dank rühriger Drittmittelakquise und namhafter Partner vom Goethe-Institut bis zur Zentrale für Politische Bildung stieg das Budget in kurzer Zeit von 50 000 auf 200 000 Euro, bei gleichbleibender städtischer Förderung von 34 000 Euro im Jahr. Auch die Zahl der Veranstaltungen hat sich fast verdoppelt und reicht inzwischen von der Matinee bis zur Abendlesung, vom Werkstattgespräch der Autoren bis zum Schreibwettbewerb für Kinder und Jugendliche, vom populärwissenschaftlichen „Sprechen über Sprache“ bis zur Beteiligung an Großprojekten wie den „Wechselstrom“-Tourneen, die fremde literarische Welten auch nach Freiburg brachten.
Literatur und Gesellschaft, Literatur und Wissenschaft, Literatur und Politik, Literatur und Film – vielfältige Bezüge standen schon bislang auf dem Programm, und auch das künftige Literaturhaus will auf Verknüpfung von Themen, Sparten und Akteuren setzen. Bei grenzüberschreitenden wie spartenübergreifenden Festivals und Veranstaltungsreihen soll lokales Schaffen im Kontext internationaler Tendenzen diskutiert werden können. Ob man beim Literaturpicknick auf den Geschmack kommt oder sich Nachwuchstalente in Studenten-WGs präsentieren: Ungewöhnliche Formate und Aktionen sollen Schwellenängste erst gar nicht aufkommen lassen. Auch in der kulturellen Bildungsarbeit will sich das Literaturhaus weiter engagieren und dazu von der Literaturparty bis zur Poetikdozentur die ganze Bandbreite der Möglichkeiten nutzen.
„Pfiffige Ideen“, so Grünen-Fraktionsvorsitzende Maria Viethen, sind demnach genug vorhanden; was nach der städtischen Finanzspritze für die personelle Ausstattung noch fehlt, ist der Raum: Statt im Dachkämmerchen soll die Poesie ihren Standort künftig mitten in der Stadt haben, mit guter Anbindung an Bus und Straßenbahn und Platz für bis zu 200 Besucher. Die Suche nach einer geeigneten Immobilie ist bereits im Gange.
„Sicht- und erfahrbar“ wünscht sich Ursula Kuri die Literatur in Freiburg und setzt sich mit der CDU-Fraktion bereits seit Herbst für ein eigenes Literaturhaus ein. Ob nur die Eigenständigkeit dem Alleinstellungsmerkmal der Freiburger Literaturvermittlung gerecht werden könne oder in der Standortfrage auf „Synergieeffekte“ etwa mit der Stadtbibliothek oder dem Theater zu hoffen sei, wie SPD-Sprecher Thomas Oertel anregte: In der Anerkennung für das Literaturbüro und seine erfolgreiche Vermittlungsarbeit waren sich die Stadträte ausgesprochen einig. Für UL-Vertreter Attai Keller der Beweis: „Es lohnt sich, den steinigen Weg einer Kultureinrichtung zu gehen.“

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