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Badische Zeitung vom 27. März 2009

Spuren aus fremden Leben

 

Klein, unbeachtet, verknittert, zerknüllt, verschmutzt, weggeworfen oder verloren – wer mit offenen Augen durch die Welt geht und den Blick auch mal gen Boden richtet, kann etwas entdecken: Zettel. Sie tauchen auf in Form von Einkaufslisten, Notizen oder gar Liebesbriefen – manch eine Aufschrift scheint seltsam unverständlich. Was normalerweise seinen Weg in den Papierkorb finden sollte und nun unscheinbar als Müll auf der Straße liegt, entwickelt Potenzial, wenn man sich ein paar Gedanken macht: Wer hat den Zettel geschrieben? Und warum?

Als der Schweizer Autor und Kabarettist Ralf Schlatter vor einigen Jahren einen kleinen Zettel mit der Aufschrift "Tortenlupfer" fand, ließ ihn die Frage nach der Geschichte hinter diesem schweizerdeutschen Wort nicht mehr los. Was um Himmels Willen soll ein "Tortenlupfer" sein? Fortan sammelte er Spuren aus fremden Leben, die als Zettel auf Straßen und Bürgersteigen lagen und dachte sich Anekdoten und Geschichten dazu aus. Skurrile Szenen des Alltags, ein paar Absurditäten und allerlei Rätselhaftes sind in den vergangenen zehn Jahren zusammengekommen und schließlich unter dem Titel "Verzettelt – Verlorene Worte und ihre Geschichten" als Buch erschienen. Eine bunte Sammlung, die zum Schmökern einlädt – passend für die kleine Lesepause oder als Betthupferl. Wer fleißig blättert, wird das Geheimnis des "Tortenlupfers" lüften und einiges mehr entdecken.

Auch die Freiburger Autorin Kathrin Pläcking hat die Möglichkeiten des "Verzettelns" für sich entdeckt. Die selbsternannte Erfinderin der Zettelgeschichten hat es sich zur Aufgabe gemacht, achtlos weggeworfenen Einkaufszetteln eine neue Geschichte zu geben. In den Kurzgeschichten ihres Buchs "Zettelgeschichten" erweckt sie die Schreiber der gefundenen Listen zum Leben. Weniger ein Ideenpotpourri zum Durchblättern, als viel mehr ein Kurzgeschichtenband zum entspannten Lesen ist dabei entstanden. Auch wenn die Geschichten mal ein wenig holprig daherkommen, entwickelt die Autorin vielseitige Charaktere. Was Walter für seine Oma Ansbach, die Frau mit der orangen Bluse aus dem Zug oder Michaela mit den frisch operierten Brüsten einkaufen wollen, spiegelt ihr oft ganz normales Leben, das vielleicht aus eben diesem Grund Interesse weckt.

Zwei Bücher mit ganz unterschiedlichem Tenor, die auf derselben Idee basieren: Was andere verlieren oder fallen lassen, darüber lässt sich so manche Geschichte ersinnen. Wer das Verfahren nun erfunden hat, ist nebensächlich. Fest steht: Es könnte sich lohnen, den einen oder anderen Papierfetzen am Wegrand mal genauer unter die Lupe zu nehmen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

– Ralf Schlatter: Verzettelt. Verlorene Worte und ihre Geschichten. Christoph Merian Verlag, Basel 2008. 252 Seiten, 25 Euro.

– Kathrin Pläcking: Zettelgeschichten. Freiburger Verlag, Freiburg 2009. 168 Seiten, 9,90 Euro.

 

Von Sabrina Reinshagen

 


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