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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Februar 2009

Haus ohne Mütter

 

Autorinnen aus Osteuropa diskutieren in Berlin

 

Valzhyna Mort trägt die Haare wie Jean Seberg und eignet sich auch sonst nicht als Carmen. Jedenfalls erzählt die 1981 im weißrussischen Minsk geborene Lyrikerin gern die Geschichte, wie sie zu Schulzeiten eine Gesangseinlage zum Besten geben sollte, aber im Unterschied zu ihren Altersgenossen weder ein Kinderlied noch einen Schlager aus der elterlichen Plattensammlung auf der Zunge hatte. Valzhyna war – schon damals – Opernfan, besann sich auf Bizet und brachte eine Arie der rassigen Zigeunerin zum Vortrag. Dass sie dabei keinen Ton traf, blieb ihr ein Stachel im Fleisch und half der literarischen Karriere überhaupt erst auf die Sprünge. Mort schärfte ihr Gehör am Weißrussischen, das sie selbst wie eine Fremdsprache erst lernen musste, verzichtete auf Partitur und Orchester und ließ die große Oper stattdessen in Gedichten erklingen. „Opera“ – so heißt eines davon, das sie am Wochenende im Berliner „Literarischen Colloquium“ vortrug: „o carmen! aus dem opernhaus tragen wir heraus / die konterbande, die du versteckt hast in unseren ohren.“

 

Aus dem Opernhaus auf die Lesebühne: Kieksend schrill oder erotisch hingehaucht, aggressiv oder zerbrechlich – in allen Klangvariationen präsentiert sich diese Dichterin als ebenso selbstsichere wie überzeugende Vortragskünstlerin. Das weibliche Geschlecht: eine „Knipsbörse“, ihr männlicher Held: Jean Paul Belmondo – so steht es um diese zeitgenössische Literatin aus Weißrussland. Ihr Geld verdient Mort übrigens in Amerika; die Achtundzwanzigjährige unterrichtet Creative Writing an der Universität von Baltimore. Und weil all das in der Schublade Frauenliteratur kaum aufzugehen scheint, passte Mort, wie auch andere namhafte Schriftstellerinnen, die nun nach Berlin geladen waren, nur notdürftig in diesen Kontext: „Wechselstrom – Frauen im mittel- und osteuropäischen Literaturbetrieb“ hieß das in der Stiftung Brandenburger Tor und dem LCB ausgerichtete Symposion.

 

Hier traten ausschließlich Schriftstellerinnen – und dabei wieder ausschließlich solche, die die Konkurrenz ihrer abwesenden männlichen Kollegen kaum zu fürchten gehabt hätten – vor ein leider weder großes noch sehr gemischtes Publikum. Es wurde gelesen und Grundlegendes diskutiert: Wie stehen die ehemaligen Ostblockländer seit dem Fall des eisernen Vorhangs in Kulturfragen da? Wie kann die Kulturvermittlung zwischen Ost und West funktionieren, und welche Rolle spielen dabei Verleger, Übersetzer, Zeitschriften und die Förderprogramme von Stiftungen? Wie funktionieren die künstlerischen Strategien von Schriftstellerinnen, und was macht das spezifisch Weibliche ihrer Literatur aus?

 

Zu solchen Themen kamen die großen Damen Herta Müller, Slavenka Draculic und Svetlana Alexijewitsch miteinander ins Gespräch, aber eben auch eine jüngere Generation vom Schlage Valzhyna Morts. Die 1974 geborene ungarische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Noémi Kiss beklagte sich über das Fehlen „literarischer Mütter“ in ihrem Heimatland. In Ungarn seien Frauen nicht mehr als die „Sekretärinnen der Literatur“ gewesen – ein Zustand, der sich gerade jetzt, wenn auch sehr langsam, ändere. Lässt sich der Titel des neuen Erzählbandes dieser Autorin vielleicht gar programmatische lesen? „Was geschah, während wir schliefen“ erscheint bei Matthes und Seitz soeben auf Deutsch. Und doch bemängelte gerade Noémi Kiss, die merklich durch die Schule des akademischen Gender Studies gegangen ist, am Ende des Symposions das Fehlen von Männern.

 

Es hatte sich zuvor herausgestellt, dass die Frage nach dem Geschlechterverhältnis zwar relevant, für die Befindlichkeit des Diskutantinnen aber keineswegs vorrangig ist. Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Zabuzhko klagte wie die serbische Theatermacherin Borka Pavicevic oder die russische Redakteurin Irina Prokhorova auch über weiter gehende Verfallsprozesse in Osteuropa: Nationalistische oder antisemitische Exzesse und die Brutalismen einer entfesselten Marktwirtschaft setzen den Kulturschaffenden dieser Länder derzeit am meisten zu.

 

Und so erhielt eine von der Schriftstellerin Kathrin Röggla vorgelesener Text plötzlich einen frappierend treffenden Kommentar zu den Diskussionsroutinen westöstlicher Kulturvermittler. In „Recherchegespenst“ geht es um die rhetorische Kunst der Fördermittelbeschaffung: „da dozierte ich bereits über die probleme der internationalen bei der auftragsakquise, deren abhängigkeit von den medialen und politischen verhältnissen, z.B. dass im humanitären bereich die mode ebenso wie überall diktiere. man denke nur an die gender- und klimawandelthemen, die wir beispielsweise in kirgisistan angetroffen hätten. das hätte ich aber schon der frau von der GTZ erzählt, oder war es eine mitarbeiterin der UNO, die wir ein wenig später getroffen hätten, dinge die sie doch eigentlich habe wissen müssen – ich hätte wertvolle minuten vergeudet... und auch jetzt müsse er mir das zurufen: wo bleibt der themenzuschnitt, auf den man sich anfangs geeinigt habe?“

 

Von Stefanie Peter

 


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