Die Geheimnisse der Zwergkängurus
Dies ist ein Lobpreis des Großen Generators. Und eine Hommage der Zwergkängurus. Diese Tiere fallen durch ein seltsames Verhalten auf. Sie grasen friedlich. Plötzlich stieben sie im Chaos auseinander. In einer Reihe finden sie sich wieder, die Köpfe in eine Richtung gewandt. Sie haben etwas gesehen. Aber was? Wie bei den Zwergkängurus geht es bei den kombinatorischen Sprachverfahren zu. Die Buchstaben grasen friedlich, bis sie der Große Generator auseinandertreibt und nach anagrammatisch permutativen Verfahren neu zusammensetzt. Ist das aber schon die Dichtung, wie sie uns die Rhapsoden seit Anbeginn der Menschheitskultur zu Ohren bringen?
Stephan Krass’ vom SWR produziertes Hörspiel "Die Amnesie der Ozeane" ist der höchst ambitionierte Versuch, die "Lesbarkeit der Welt" erfahrbar zu machen – auf der Spur von Zeichensystemen und Suchmaschinen, alten und neuen Mix- und Remixverfahren, Wörten und Passwörtern: am Kreuzungspunkt von Homer und Postdadaismus, Texturen und digitalen Schnittstellen, Rhapsodie und Rap. Krass, als virtuoser Verfertiger von Anagrammen mehrfach in Erscheinung getreten ("Tropen im Tau", "Lichtbesen aus Blei") liefert hier – in einem kunstvollen Radioessay mehr als in einem Hörspiel – den theoretischen Hintergrund zu dieser sprachspielerisch mathematischen Variante der Lyrik, deren Kosmos sich auf die 26 Buchstaben des Alphabets und ihre unendliche Kombinierbarkeit erstreckt.
Für den Buchstaben "Z" kann man etwa Folgendes zusammensampeln: Ziellos Zeugen zahme Zellen Zukunft Zittern zwischen zwei Zitaten Zeit zerfällt zu zerebralen Zirkeln Zungen zementieren Zorn zaghaft zählen Ziffern Zweifel Zugvögel zünden Zenit. Die Freiheit von semantischen Zwängen bringt wunderlich-poetische Bilder von bizarrer Schönheit hervor – aber in der bindungslosen Reihung von Satzgestöbern lauert auch die Gefahr von Sterilität und Beliebigkeit. Das fein gesponnene, raffiniert verknüpfte Gewebe glitzert verführerisch, allein: Wem soll es angelegen sein?
Ulrich Lampen (Regie) und Ulrike Haage (Musik) haben das Krass’sche Sprachspiel mit hoher Professionalität zwischen Kunstgesang und Raprhythmen akustisch umgesetzt. Die Geburt der Dichtung aus dem Geist der Rechnung – das könnte aufgehen, wenn da nicht das wäre, was die Zwergkängurus gesehen haben müssen.
Von Bettina Schulte
– Vorpremiere in Anwesenheit des Autors: 19. 2., 20 Uhr, HörBar, Kommunales Kino Freiburg, Urachstraße 40.
– Ursendung: SWR2, 27. 2., 22.03 Uhr. 
|