Schwarzer Vogel im ewigen Eis
Unbeirrbar schön, unrettbar kaputt, mit stolzem Kinn und kalten, gewissenlosen Augen", so geht Leonard Engel durch die Welt. Kaputt wird er bis zum Schluss bleiben. Aber unrettbar? Engel nennt sich einen Psychokrüppel, "einen schwarzen Vogel im ewigen Eis". Mit Messern, mit Rasierklingen schneidet er sich ins Fleisch, tief: "das kalt gestockte Blut zum Fließen bringen". Er beißt auf Tellerscherben, die Taubheit, das Fühllose zu lösen. Notaufnahmen, Ambulanzen, Psychiatrien kennt er zur Genüge. Untersuchungsgefängnisse kommen hinzu, wenn er in Marseiller Stricherkneipen, wo er seinen Körper anpreist gegen ein paar Gläser Alkohol, in eine Razzia gerät. Ein gestürzter Engel. Diagnose: Borderline-Persönlichkeitsstörung. Symptome: Gefühl der Leere, mangelnde Bindungsfähigkeit, Suiziddrohungen,Promiskuität, Selbstbeschädigungen.
"Robert ist Zahnarzt. Robert hat’s richtig gemacht." Engels Bruder und auch seine Schwester Juli pflegen ihr "kleines be-schissenes Familienglück". Doch sich einrichten zwischen Salatschleuder und Katzenklo, das ist nicht Engels Ding. "Wohin aber mit sich und diesen Gedanken an Ficken und Tod?" Und so treibt er von Mann zu Mann, hinab in die Schöße, "wo das Unbehagen der Liebe am wenigsten schadet", bleibt "ohne Heimat, ohne Zuhause, ist lediglich Gast, Kostgänger oder Hausierer".
Gunther Geltingers Debütroman ist ein Buch über den Lebensekel und den verzweifelten Versuch seiner Überwindung. Doch wie? Die warmen Männerkörper – "als Schutzwall gegen die kalte Nacht, den Frost der Einsamkeit" –, sie reichen nicht hin. Der Trost bleibt flüchtig, das Herz kalt und zugeschnürt. Aber aufschreiben, das wäre eine Möglichkeit. "Engel schreibt", so beginnt der Roman. Und so endet er. Engel schreibt um sein Leben. Doch da Engel nicht weiß, wer er ist, ist er auch Geltinger (Engel ist gleichsam in Geltinger eingeschrieben!), und Geltinger – es steht zu vermuten, dass auch er nicht weiß, wer er ist – ist "der Schreiber". Ein Erzählstimmen-Triumvirat, das sich beständig in die Parade fährt.
Der Roman als Versuchsanordnung? Als Befragungsorgie? Das ist ein gefährli-ches Unterfangen. Hanns-Josef Ortheil nennt das mit Blick auf die nonfiktionalen Textgewebe eines Raymond Federman: Luftdrescherei. Doch was anderwärts zur selbstverliebten Attitüde gerät, wird hier als selbstreflexive Erkundung zum raffinierten literarischen Prinzip, spiegelt die Persönlichkeitsstörung von Engel aufs Beste wider.
Neben der Fallstudie "Engel" geht es jedoch – und das bewegt uns im Innersten an diesem Text – um unser aller Frage: Wer bin ich? Nicht, dass wir alle Engel wären, aber die hier vorgeführte Methode der biografischen Ortung kennen wir, wenn nicht von uns, dann von Musils Mann ohne Eigenschaften, von Ulrichs "Sinn für die mögliche Wirklichkeit": Da der Erinnerung selten zu trauen ist – "die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln", heißt es bei L. P. Hartley –, ersinnen wir in einem fort Möglichkeiten, um neue Wirklichkeiten zu erproben. Wie Ulrich ist Engel ein Möglichkeitsmensch par excellence: "Im Erzählen hole ich all das nach, was ich damals versäumt habe zu fühlen, zu sagen und zu tun".
Dabei ist Engel unerbittlich – gegen sich selbst, aber auch gegen andere. Vor allem in Sachen Tod. Dann lässt er schon mal, wie weiland Thomas Mann das im Doktor Faustus mit dem von ihm vergötterten Enkel Frido tat, zum blanken Entsetzen seiner Schwester Juli seinen fünf Monate alten Neffen Philippe literarisch mit leichter Hand und gleichermaßen grausam verre-cken – im Gewitterhagel, an Atemlähmung. Schließlich: das eigene Ersticken am Leben will erkundet sein, der Schmerz erprobt.
Das Eigenartige: so verletzend Geltingers Schmerzensprosa ist, so verletzlich ist sie; dazu prall und trunken, wollüstig scharf, auch mannstoll, und doch – bei aller vibrierenden Rauschhaftigkeit –, kein Wort wird je verraten. Eine "Sprache der Verzweiflung" zwar, doch präzise und geschmeidig, bildgenau, dabei derart verführerisch, dass man – plötzlich laut le-send – gleichermaßen selber in diese wohltuende Bitternis eintaucht. Man kann Engel verstehen, seine unabänderliche Sehnsucht nach Schmerz.
"Fehlt dir denn überhaupt etwas?", fragt sich Engel gegen Schluss. Nicht wirklich. Eine unbestimmte Schuld am ungelebten Leben der Mutter gibt es vielleicht, doch Engel hatte eine behütete Kindheit – aber auch belanglos. Das gilt es zu korrigieren, indem "die versäumten Verheerungen seines Lebens tief ins makellose Menschenfleisch" geschnitten werden, indem Menschheitsdramen erdichtet werden, Engelsmythen und "das Hohelied von Geburt, Tod und dem seltsamen Schwebezustand dazwischen".
"Mensch Engel" ist medizinische Fallstudie, ist Chronik einer verunglückten, hochstaplerischen Biografie, ist éducation sentimentale und condition humaine und auch Abhandlung darüber, wie Schriftsteller ihre Figuren marodieren. Vor allem aber ist "Mensch Engel": eine Liebesgeschichte. Eine Geschichte über die Liebe zur Sprache, zur Heilkraft der Literatur, zum Leben und darüber, wie Liebe aus Schmerz geboren werden kann. All das Zeug also, aus dem selbst noch gestürzte Engel errettet werden können.
von: Ingo Flothen
– Gunther Geltinger: Mensch Engel. Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2008. 272 Seiten, 19,90 Euro.
– Der Autor liest in einer Veranstaltung des Literaturbüros Freiburg und der Buchhandlung Jos Fritz am 16. Februar um 20 Uhr im Alten Wiehrebahnhof, Freiburg, Urachstraße 40. 
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