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Badische Zeitung vom 5. Dezember 2008

Die schöne Alma entschwindet

 

"Ich glaube, dass dieses Rom mich zu einem edleren Menschen und zu einem wahren Künstler machen wird", – so schrieb einst der Maler Anselm Feuerbach seiner Mutter aus der ewigen Stadt. Von ganz ähnlicher Hoffnung scheint auch Xenia beseelt, die 34-jährige expressive Malerin, die, just als sie ihr ersehntes Stipendium in der Altstadt von Rom antritt, von ihrer Mutter eingeholt wird.

 

Sie läge im Koma, teilt ihr die ältere Schwester mit, und insistiert, auch Xenia solle umgehend ans Krankenlager nach Österreich eilen, um dabei zu sein, wenn die Mutter wieder die Augen öffnet, um neu geboren zu werden. Das Gegenteil jedoch ist wahrscheinlich. Xenia sträubt sich entschieden. Schließlich steht die Mutter für ein Kindheitstrauma, synonym für den Verrat des Verlassenwerdens. Schließlich hat die Mutter für ihre eigene Künstlerschaft – sie ist eine erfolgreiche Schriftstellerin – das Glück ihrer Tochter geopfert. Die zurückhaltend-verhuschte Xenia ist eine zutiefst verletzte Seele. Ressentiments, Neid und versteckte Rachewünsche brüten in ihr, und doch wird im wachsenden Schuldbewusstsein das "römische Licht", das zunächst die pure Verheißung war, im Beharren auf ihr Bleiben, ihre Eigenständigkeit, matter, ja zusehends bedrohlich: "Das römische Licht war eine große Täuscherin, es verstärkte das Schöne und betonte das Hässliche."

 

Der Autor Amadeus (hässlich "wie Peter Sloterdijk"), ein weiterer Stipendiat, überzieht Xenia überdies mit seinen Selbstzweifeln, würde ihr gänzlich unerträglich, hätte nicht eine weitere Stipendiatin die Szene betreten: Alma die Starfotografin und Modigliani-Schönheit ist eine Lichtbringerin. Ihre Erscheinung bereichert Roms manchmal kaum erträglichen imperialen Glanz mit absoluter Grazie. Xenias Antipodin übt eine unwiderstehliche Anziehung auf die unglückliche Xenia aus.

 

Nach einem gemeinsamen Besuch bei einem dubiosen Autor historischer Kriminalromane bleibt die schöne Alma jedoch plötzlich verschwunden. Siebzig Seiten später blickt Xenia am Sterbebett der Mutter in Linz ihrer bitteren Wahrheit ins Auge.

 

Subtil gestrickte Romane, die im Ton präziser Leichtigkeit vom Einbruch des Ungeheuren in die mühsam gerettete Alltäglichkeit handeln, sind die Spezialität der in Freiburg lebenden Österreicherin Evelyn Grill. In ihrem neuesten Buch "Das Römische Licht" zieht die Autorin alle Register ihres Könnens. Schwer einzuordnen ist dieses famose literarische Kabinettstück: Krimi, Künstlerroman, Familientragödie, ein Buch über die Kunststadt Rom? – Es ist etwas von alldem und vor allem eines: herrlich untergründig.

 

Wie die Autorin über den Umweg der Kunst plötzliche Einblicke in die Psyche ihrer Protagonistin gewährt, wie sie mit kargem Strich pralle Charaktere zeichnet, wie dicht obgleich nur mit wenigen Sätzen sie die Stimmung in den Straßen beschwört , wie sie in ganz beiläufigen Szenen – Xenias Begegnungen mit räudigen Katzen und alten Bettlerinnen –, die Ängste und inneren Bedrohungen ihrer Heldin sekundenlang aufdeckt, und im lockeren Fluss ihres so unprätentiösen und dabei streng stilsicheren Erzählens die Spannung langsam hebt – nicht zuletzt durch das viele Ungesagte –, darin liegt große Könnerschaft.

 

Ein Buch, das nicht nur den weihnachtlichen Flug nach Rom aufs Angenehmste verkürzen dürfte. Evelyn Grill: Das Römische Licht. Roman. Residenz Verlag 2008. 236 Seiten, 19,90 Euro.

 

Lesung: Die Autorin liest am Sonntag, 7. Dezember, 11 Uhr im Alten Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, Freiburg, aus ihrem Roman.

 

Stefan Tolksdorf

 


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