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Badische Zeitung vom 2. Dezember 2008


Foto: Thomas Kunz, Badische Zeitung

Übungen in Übertreibungen für junge Reimmeister

 

"Ich bin Sebastian 23, und wenn ihr mir total auf den Keks gehen wollt, könnt ihr mich fragen, warum ich so heiße." Sebastian 23 ist es gewohnt, vor Publikum zu sprechen, das merkt man. Er sagt kaum einen Satz, der keine Pointe hat, und jedes Wort scheint mit Bedacht gewählt. Nach jeder seiner flapsigen Bemerkungen hält er einen Moment lang mit herausfordernder Miene inne und zeigt dann ein breites Grinsen. Dass es ihm leicht fällt, Menschen zu unterhalten, ist kein Wunder, denn er ist Vize-Weltmeister im Poetry Slam – zu Deutsch: in der "Dichterschlacht".

 

Mit seinem Wortwitz und der Lockerheit, mit der er seine selbst geschriebenen Texte vorträgt, hat sich Sebastian23 auf Vortragswettbewerben in die Weltklasse gereimt. Bei seinen Auftritten hängen oft Hunderte an seinen Lippen. Am Freitagnachmittag hat er zwar nur eine Hand voll Zuschauer, die sind aber umso aufmerksamer, denn sie sind nicht nur zum Zuhören ins Haus der Jugend gekommen, sondern wollen selbst die Kunst des Poetry Slamming erlernen. Im Rahmen der Jugendliteraturtage "Stories" gibt der junge Reimer einen Poetry-Slam-Workshop.

 

"Mir fällt es schwer, vor anderen Leuten aufzutreten", erzählt Simon Schneckenburger. "Selbst wenn ich nur in der Schule einen Vortrag halten muss, macht mir das Probleme." Der 18-Jährige hat sich Poetry Slams schon häufig angesehen, hat aber noch nie mitgemacht. "Vielleicht versuche ich es irgendwann mal selbst, aber vor allem werde ich die Tipps zum freie Sprechen für meinen Alltag und die Schule nutzen." Andere Teilnehmer haben schon erste Erfahrungen im kreativen Schreiben gesammelt. Julian Arayapong ist 21 und gibt Schreiben als sein einziges Hobby an. "Ich habe gestern zum ersten Mal bei einem Poetry Slam mitgemacht, und ich würde es gern häufiger machen", erzählt er.

 

Die erste Hälfte des Kurses dreht sich ums Schreiben. Unter der Anleitung des Profi-Slammers sollen die Teilnehmer spontan kreative Texte produzieren. "Ich gebe euch jetzt zehn Millionen Euro. Ihr habt zehn Minuten Zeit, um zu schreiben, was ihr damit macht", sagt Sebastian 23, und die Teilnehmer legen sich so richtig ins Zeug. Wer will, darf seine Texte vorlesen, und zwischen den Übungen führt der Experte Stilmittel wie Übertreibung, Vergleich und Wiederholung ein, und erklärt wie man sie einsetzt. Die zweite Hälfte des Workshops ist dem Sprechen und dem Auftreten gewidmet. "Bei der Performance kann man ganz viel dadurch erreichen, dass man seine Stimme bewusst moduliert", erklärt der Vizemeister. "Ich kann langsam oder schnell sprechen, laut oder leise, und die Wirkung ist je nachdem ganz anders."

 

Von ihrem Lehrer sind die Teilnehmer fasziniert. "Er hat eine sehr eigene, witzige Art", ist man sich einig, und viele hat der Workshop dazu angeregt, danach weiterzuschreiben. Die Jugendliteraturtage sollen junge Menschen dazu bringen, sich mit Literatur zu beschäftigen. "Das funktioniert aber nur, wenn sie selbst aktiv werden können, sonst wird Lesen oft als uninteressant empfunden", weiß der Organisator, Rolf Störtzer, vom Kulturamt. Neben dem Schreibwettbewerb war Sebastian23 eines der Highlights der Veranstaltungsreihe "Stories". Und auch wenn der Slam-Workshop nicht so üppig gut besucht war: zu seinem Auftritt am Abend kamen umso mehr Zuschauer und die waren begeistert.

 

Veronika Keller


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