Wie auf einer Geisterbahn inszeniert
"Ein komplizierter Fall" stellte Moderatorin Bettina Schulte, Literatur- und Theaterredakteurin der Badischen Zeitung eingangs fest und in der Tat, bevor die Diskutanten zum Thema "Wie funktioniert ein Krimi in den verschiedenen Medien – Literatur, Radio, Film?" übergehen konnten, musste erst einmal geklärt werden, was denn ein Krimi überhaupt sei. Der Krimi-Herbst im Freiburger Alten Wiehrebahnhof hatte zu einer Podiumsdiskussion geladen mit illustren Gästen. Herausgeber und Kritiker Thomas Wörtche, der Krimi-Papst hierzulande, antwortete gar nicht päpstlich: "Ich weiß es nicht" – nach ein paar Tausend gelesenen Büchern. Für Uta-Maria Heim, Journalistin, ausgezeichnete Krimiautorin und SWR-Hörspiel dramaturgin, ist ein Krimi ein Buch, "das ich spannend finde". Einig sind sich alle darüber, dass es um Gewalt geht, um "menschliches Verhalten in bestimmter Form", wie es Wörtche definiert.
Computerspiele dagegen funktionieren anders, erklärt Fabian Großekemper, Spiele-Designer und Soziologe, sie basieren auf einem Regelsystem. Man könne zwar in die Rolle eines Mörders schlüpfen und bei einem Ego-Shooter-Spiel alles wegballern, was sich in den Weg stellt, aber es findet keine Realitätsabbildung statt, es gebe weder psychische noch sexuelle Gewalt; nichts weiter als Pixelhaufen. Bedenklicher vielmehr für Wörtche: Das "merkwürdige Gruselding", dass "Krimi" zu einem "Eventlabel", zu einer "Metapher" verkommen ist. Bilder von Verbrechen sind inszeniert wie auf einer Geisterbahn, besonders in "Serialkillerkrimmis", die sich gegenseitig immer weiter hochschaukeln.
Wider die Verharmlosung von Gewalt und Mord, rät Heim, man solle doch mal versuchen mit einem Drahtkleiderbügel aus der Reinigung jemanden zu erwürgen – das hieße zehn lange Minuten von hinten ziehen. Wer sich jemals mit Polizeiarbeit beschäftigt und reale Tatorte angeguckt hat, schreibt anders über Verbrechen, darüber sind sich alle einig.
"80 Prozent Schrott, 15 Prozent Literatur und fünf Prozent große Literatur", zitiert Moderatorin Schulte den Kritiker. Das sei doch bei aller Kunst so, entgegnet der fröhlich, auch in Nischen ließe es sich gut leben. Was ein Bestseller wird, kann sowieso niemand voraussagen. "Ich könnte gut sagen, wie ein Buch ein Flop wird", sagt Heim und blickt gespannt auf das Internet, in dem sich jeder als Autor betätigen kann. Sie könne sowieso schreiben, was sie wolle, Geld verdienen müsse sie damit nicht. Das tut sie schließlich als Hörspieldramaturgin, womit zumindest noch ein Medium und sein Verhältnis zum Krimi angesprochen wurde. "Unendlich reizvoll" ist das Hörspiel, "weil die Situation ständig geklärt werden muss" und zwischen konventionell und experimentell alles möglich sei. Am Montag ist ein Krimihörspiel zu hören (Hörbar: Pränatale Erben, 20 Uhr, Kommunales Kino).
Joachim Schneider 
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