"Ein Fünf-Jahres-Plan für ein Literaturhaus"
Die CDU-Fraktion hat sich das Thema auf die Fahnen geschrieben: Freiburg braucht ein Literaturhaus. Stefanie Stegmann, seit 2005 Leiterin des Literaturbüros im Alten Wiehrebahnhof, hat ein umfassendes Konzept für den Aufstieg Freiburgs in die erste Liga der Literaturvermittler vorgelegt. Heute entscheidet der Gemeinderat zunächst über eine Aufstockung des Etats für das Literaturbüro. Bettina Schulte sprach mit der promovierten Kulturwissenschaftlerin über ihre Ideen für die literarische Zukunft Freiburgs.
BZ: Frau Stegmann, warum braucht Freiburg ein Literaturhaus?
Stegmann: Die Literatur in Freiburg hat sich im Lauf der letzten Jahre verändert. Sie nimmt einen beachtlichen Stellenwert ein. Da liegt der Gedanke nahe, die Arbeit auszuweiten – erst recht, weil auf Landesebene bisher nur eine punktuelle Vernetzung möglich ist. Wenn man sich bundesweit die Karte von Literaturvermittlung und -förderung ansieht, stellt man feststellen, dass die ganz gut bestückt ist – bis auf den süddeutschen Raum.
BZ: Wie kommt das?
Stegmann: Das Land hat entschieden, Literatureinrichtungen nicht institutionell zu fördern. Noch nicht einmal das Literaturhaus Stuttgart.
BZ: Was bekommen die?
Stegmann: Projektmittel. So sieht die Kulturpolitik zur Zeit ganz allgemein aus. Es werden Projektmittel gegeben, institutionelle Zuschusse werden eher zurückgefahren.
BZ: Das entspricht an sich nicht dem Charakter eines Literaturhauses.
Stegmann: Das Problem ist: Wir akquirieren hohe Summen an Drittmitteln, aber können sie mit der gegenwärtigen finanziellen und personellen Infrastruktur kaum verwalten. Es gibt das Interesse des Publikums – gerade bei den größeren Veranstaltungen wie zum Beispiel "Wechselstrom" mussten wir fast 80 Gäste nach Hause schicken –, es gibt Möglichkeiten und Ideen, aber die nötige Infrastruktur, das Fundament, fehlt. Mit meinem Antrag möchte ich vor allem Zeit kaufen: Ich brauche eine personelle Entlastung, damit ich mich stärker auf die konzeptionelle Ebene konzentrieren kann, um strategische Partnerschaften für die Zukunft zu entwickeln. Daraus resultiert das Konzept für ein Literaturhaus.
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BZ: Welche Aufgaben hat ein Literaturhaus, die ein Literaturbüro nicht bewältigen kann?
Stegmann: Das Literaturbüro ist als kleine Einrichtung mit einem Projektetat von ca. 10 000 Euro und 70 bis 80 Veranstaltungen im Jahr nur in der Lage, auf einem sehr engen Feld zu agieren. Mit diesem Etat ist eine übergreifende projektbezogene Arbeit nur schwer möglich. Und genau da sehe ich die Potenziale: Literatur anzubinden an das, was passiert, sie als künstlerische Ausdrucksform ernst zu nehmen und zu fragen: Wo geht sie Allianzen ein mit anderen Künsten, mit Kultur, Politik und Gesellschaft.
BZ: Der Antrag, über den heute entschieden wird, sieht eine Aufstockung der Mittel um 40 Prozent vor. Ist das der erste Schritt zum Literaturhaus?
Stegmann. Ich habe so etwas wie einen Fünf-Jahres-Plan entworfen. Man kann nicht von heute auf morgen 100 000 Euro lockermachen – schon gar nicht allein mit öffentlichen Geldern. Dieser erste Schritt wird nicht sofort öffentlich sichtbare Konsequenzen nach sich ziehen. Neben der leichten Anhebung meines Gehalts werden die Mittel für eine Mini-Zweitkraft eingesetzt werden. Die Summe ist ja gering: 15 000 im Jahr 2009 und dann 22 000 Euro ab 2010 mehr.
BZ: Was steht am Ende dieses Plans?
Stegmann: Man kann nicht mehr einfach nur die Hand aufhalten, um öffentliche Gelder zu bekommen. Ich werde versuchen, Partner zu finden, die z.B. über mehrere Jahre angelegte Projekte mitfinanzieren – und damit unsere Arbeit und auch die Einrichtung mittragen. Dafür brauche ich mindestens ein, zwei Jahre, um Projekte zu entwickeln und auf Stiftungen zuzugehen und. Mein Ziel wäre, mehr Drittmittel als öffentliche Gelder einzuwerben.
BZ: Dass das Land die institutionelle Förderung einführt, ist wohl nicht zu erwarten.
Stegmann: Es gab Gespräche in Stuttgart. Ich werde noch einmal auf das Land zugehen und ausloten, inwiefern zumindest die Projektmittel erhöht werden können. Das Land finanziert – vermittelt über das Regierungspräsidium – das Literaturbüro bisher mit 8000 Euro Projektmitteln, das Literaturhaus Stuttgart, soweit ich weiß, mit 50 000 Euro.
BZ: Das Literaturbüro ist aus einer regionalen Initiative hervorgegangen und hat sich die Förderung der regionalen Literatur zur Aufgabe gemacht. Sie richten den Blick gleichzeitig auf große europäische Projekte. Ist der Spagat zu schaffen?
Stegmann: Er muss geleistet werden. Literatur aus der Provinz muss nicht provinziell sein, aber sie wird provinziell, wenn sie nicht in einen Dialog mit literarischen Tendenzen auf nationaler und internationaler Ebene tritt.
BZ: Sie haben einiges auf den Weg gebracht, seitdem sie das Literaturbüro übernommen haben. Konzeptionell ist das Haus schon jetzt gut aufgestellt. Die Weichen sind gestellt.
Stegmann: Die Weichen sind gestellt. Aber Schulterklopfen ist trotzdem nicht angesagt.
BZ: Nach Ihrem Konzept wird das Literaturhaus die Schaltzentrale für das literarische Leben Freiburgs. Wäre da nicht auch ein anderer Ort vonnöten?
Stegmann: Es wird darüber gesprochen. Für mich ist eine finanzielle Aufstockung vorrangig, der Ort ist gegenwärtig noch sekundär. Solange sich die finanzielle Situation hier nicht verändert, bin ich eigentlich nicht bereit, über einen Umzug nachzudenken.
BZ: Die CDU hat plötzlich ihre Liebe zur Literatur entdeckt. Woher kommt dieses schöne, begrüßenswerte Interesse?
Stegmann: Ich habe mein Konzept im Frühjahr dem Vorstand und dem Kulturamt vorgelegt. Danach bin ich auf die Fraktionen zugegangen. Bis auf die SPD zeigten sich alle sehr interessiert und ich konnte mit allen sehr gute, konstruktive Gespräche führen. 
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