DAS 22. FREIBURGER LITERATURGESPRÄCH
Wörter aufsetzen. Wie Füße. Ins Wüste
Das 22. Freiburger Literaturgespräch im Neuen Ratssaal präsentierte sich als eine klug ausgewogene Komposition. Und die Lyrik hatte dabei den stärksten Auftritt seit langem.
Es kommt nicht auf die großen Namen an. Was sind hier überhaupt große Namen? Ist Uwe Tellkamp ein großer Name, seit der in Freiburg lebende Autor mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und die Verkaufszahlen seines Romans "Der Turm" dermaßen in die Höhe schnellen, dass er sämtliche deutsche Bestsellerlisten anführt? Ist Uwe Stolterfoht ein großer Name, seit der in Berlin lebende Lyriker Träger des Peter-Huchel-Preises ist, der bedeutendsten Auszeichnung für deutschsprachige Lyrik? Beim dreitägigen Freiburger Literaturgespräch, im 22. Jahr seines Bestehens schon fast als altehrwürdige Veranstaltung zu bezeichnen, ist es die Mischung, die zählt: die diesmal besonders klug ausgewogene Komposition eines Chors von literarischen Stimmen, für die der fast durchgängig voll besetzte Neue Ratssaal wie jedes Jahr den Echoraum bildete.
Wer drinnen saß, mit den vom Kulturamt der Stadt geladenen 13 Autoren und ihren fünf exzellent vorbereiteten und souverän agierenden Moderatoren, durfte manche glückliche Entdeckung machen. Wer kennt die Autorin Marie-Luise Scherer? Alten Spiegel-Lesern mag sie als Verfasserin von Reportagen der ganz besonderen Art ein Begriff sein. Seitdem ihre Texte unter dem Titel "Der Akkordeonspieler. Wahre Geschichten aus vier Jahrzehnten" durch das Buchformat geadelt worden sind, hat man gemerkt, dass sie weit über den Tag hinaus Gültigkeit beanspruchen können. In Freiburg las Scherer aus der 130 Seiten langen Titelgeschichte über einen russischen Straßenmusiker, den sie auf seinen irrlichternden Bahnfahrten zwischen dem Kaukasus, Moskau und Berlin wochenlang begleitet hat – und sie las so, wie es ihrer Prosa entspricht: ein bisschen fahrig, ein bisschen zerstreut, ohne erkennbare Dramaturgie. Es ist das Unaufgeregte, Unspektakuläre, Ungeordnete des Alltagslebens, das sie in der absichtsvollen Kunstlosigkeit ihrer Prosa ("Es ist ja immer flach") zur Erscheinung bringt. Man müsse sich, sagte Scherer, beim Recherchieren unsichtbar machen. Die "Verwertungsgier" verstecken. Oft wisse sie gar nicht, was sie suche – für dieses Herantasten an die Wirklichkeit, ist im Alltagsjournalismus kein Platz.
Auch Elke Erb weiß nicht, was sie sucht – das heißt: was sie schreibt. "5-Minuten-Notate" ist ihr jüngster Gedichtband überschrieben. Genau so sind diese lyrischen Äußerungen entstanden. Fünf Minuten automatisches Schreiben am Tag – man kommt aus dem Staunen nicht heraus, was bei diesen "Assoziationsprotokollen" (Moderator Thomas Geiger) entstanden ist. Elke Erb, Huchel-Preisträgerin 1988, verfügt über eine unversiegbare sprachschöpferische Quelle, die in die Lage versetzt, "Wörter auf(zu)setzen. Wie Füße. Ins Wüste" – "Ungesucht. Ichlos". Das beschreibt Erbs poetologisches Verfahren. Wie die 70-Jährige aus ihren zwischen 2003 und 2004 entstandenen Notaten las, mit heller Stimme, konnte einen das Gefühl anfliegen, einem Kobold beim Schabernack mit allen erdenschweren Systemen von Ordnung und Logik zuzusehen. "Sturz & immer obenauf".
So etwas wie die Ahnung von Freiheit – Freiheit von den Festlegungen durch Grammatik, Syntax und Semantik – mochte sich auch bei der Performance von Barbara Köhler einstellen. In ihrem Versepos "Niemands Frau" unternimmt die Multimediakünstlerin eine musikalische Überschreibung von Homers Heldenepos "Odyssee" in eine Partitur mit den Stimmen der weiblichen Protagonisten des Mythos. Köhlers die Wörter miteinander verschleifender, von kreisenden Gesten unterstrichener an- und abschwellender Gesang von "Penelopes web" setzte nicht nur Moderatorin Annette Pehnt in fasziniertes Erstaunen.
Überhaupt die Lyrik: Sie hatte den stärksten Auftritt seit langem beim Literaturgespräch. Auch Ulf Stolterfohts Lesung aus seinem (siehe oben) preisgekrönten Langgedicht "Holzrauch über Heslach" geriet zum Ereignis: Wann hätte je eine der experimentellen Wortkunst Pastiors, Gertrude Steins und Helmut Heissenbüttels verpflichtete Sprachartistik so viel komisches Potenzial entfaltet? Dass der Autor selbst einen Lachreiz kaum unterdrücken konnte, mochte mit dem Missverständnis zu tun haben, das ihm die ethnografische Expedition in den Stuttgarter Stadtteil Heslach zu den dort weniger an- als aufsässigen "weißen schulverweigerer(n)" seiner Jugend eingetragen hat: Im Gespräch mit Moderator Helmut Böttiger zeigte sich Stolterfoht verblüfft darüber, dass man in dem "absurden, abgedrehten Zeug" einen Wirklichkeitsbezug entdecken wollte. "Und jetzt sitze ich da mit meiner Autobiographie."
Die Frage nach der Verankerung der Literatur im Leben ist eben nicht totzukriegen. Sie stellt sich mit ganz anderer Dringlichkeit in György Drágomans Roman "Der weiße König". Der 1973 im rumänischen Siebenbürgen geborene Schriftsteller, der in Budapest lebt, schildert darin aus der Perspektive eines elfjährigen Jungen die allgegenwärtigen Verrohungen der Ceausescu-Diktatur, wobei "Poesie und Brutalität" (Moderatorin Stefanie Stegmann) eine unerhörte Verbindung eingehen. Dragoman, der eine Passage sturzbachartig las, erklärte die Gehetztheit seines Monologs damit, dass es in seinem Helden "spricht, ohne zu atmen".
Bei einem halbstündigen Leserhythmus haben es breiter angelegte erzählerische Entwürfe schwerer. Von Norbert Niemanns ambitioniertem Gesellschaftsroman aus der Medienwelt ("Willkommen neue Träume") konnte man wie von Sherko Fatahs Geschichte eines zum Terroristen ausgebildeten Kochs an der kurdischen Grenze ("Dunkles Schiff") nur einen ungefähren Eindruck gewinnen. Das von Achim Könneke moderierte Gespräch mit dem zur Zeit in Berlin lebenden indischen Autor Kiran Nagarkar ("Gottes kleiner Krieger") war spannender als die Lesung aus seinem älteren Roman "Ravan & Eddie". Der sympathische Schriftsteller gab eine Liebeserklärung an die deutsche Hauptstadt ab, die ihm im Verhältnis zur Heimatmetropole Bombay als idyllisches Paradies vorkommt.
Souveräner Schlusspunkt war Marcel Beyer. Er las aus seinem Roman "Kalten burg", in dem sich die Vorliebe des Autors für die Ornithologie mit einer Spurensuche nach dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz paart. Warum er sich so für Vögel interessiere, wollte Könneke wissen. Wir seien von anderen Existenzweisen umgeben, erklärte Beyer. "Die Vögel beobachten uns." Ein nicht sehr behaglicher Gedanke.
Von Bettina Schulte 
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