Der Idealismus ist in der DDR verkommen
BZ-interview: Uwe Tellkamp über seinen Roman "Der Turm"
Er war der im Grunde konkurrenzlose Favorit: Für seinen epochalen Roman "Der Turm" ist Uwe Tellkamp eben mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. BZ-Redakteurin Bettina Schulte traf den Autor, der aus Dresden stammt und seit einiger Zeit in Freiburg lebt, auf der Frankfurter Buchmesse zum Gespräch.
BZ: Herr Tellkamp, Glückwunsch zum Deutschen Buchpreis. Was bedeutet der Preis für Sie? Wird er Ihr Leben ändern?
Uwe Tellkamp: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. So richtig habe ich noch nicht kapiert, was jetzt losgeht. Aber ich werde es schnell kapieren müssen. Für mich wird es das Wichtigste sein, auf dem Boden zu bleiben und Zeit für das nächste Buch zu haben. Denn nach dem Buch ist immer vor dem Buch.
BZ: Arbeiten Sie schon an einem neuen literarischen Projekt?
Tellkamp: Das nächste ist schon fertig. Aber das ist ein älteres Buch, das einfach lange warten musste.
BZ: Ihr Roman wurde von der Kritik einhellig bejubelt. Es gab so gut wie keine Stimme, die im "Turm" nicht den Roman des Herbstes sieht. Es lief beim Buchpreis stark auf Sie zu. Haben Sie das auch so wahrgenommen?
Tellkamp: Ich habe das von mir weggehalten — aus zwei Gründen. Erstens habe ich einen kleinen Jungen, um den ich mich jeden Tag ab 14 Uhr kümmere. Der erdet einen komplett. Und zum zweiten weiß man ja: Jurys sind unberechenbar.
BZ: Und als es dann hieß: The winner is Uwe Tellkamp&
Tellkamp: Das war zunächst ein Schock. Ich hatte aus Aberglauben auch keine Rede vorbereitet. Für mich ist die Situation ambivalent. Mir geht es glänzend, und um mich herum stürzen Welten ein. Wie soll man sich da fühlen? Das ist ein Hitze- und Eisbad zugleich.
BZ: Ihr Roman entwirft ein großes Tableau, ein Panorama-Bild DDR von oben — von den Dresdner Elbhängen aus dem Blickwinkel einer bildungsbürgerlichen Enklave im SED-Staat. Könnte man sein Programm auf die Formel bringen: Widerstand durch Bildung?
Tellkamp: Im Kern schon.
BZ: Und was ist die Quelle dieses Widerstands?
Tellkamp: Die verbotenen Inhalte. Es gab ein Bildungsbürgertum in der DDR, aber es war vom Staat und seiner Ideologie nicht erwünscht.
BZ: Uns im Westen war seine Existenz, wie mir scheint, vor dem Erscheinen Ihres Romans nicht recht bewusst. Es war nicht greifbar.
Tellkamp: Wer hat denn auf der Leipziger Buchmesse die ganzen Bücher geklaut? Im Ernst: Dieses Bildungsbürgertum gab es in verschiedenen Ausprägungen und weit häufiger, als ich dachte. Ich dachte, ich hätte so eine Art Heimat- oder Dresden-Roman geschrieben, aber auf Lesungen höre ich jetzt immer wieder: Das gab’s auch in Halle, Jena oder Berlin. Typisch für die DDR ist ja nicht die Widerständler-Biographie. Die Gesellschaft bestand nicht nur aus Ausreisenden. Viel typischer waren die kleinen Anpassungen und die kleinen Konflikte: Wie komme ich einigermaßen heil durch die Gesellschaft und kann meine Kinder erziehen, ohne dass sie an Würde verlieren? Da gibt es im Roman zum Beispiel die Episode, dass der Vater die Kinder zu einem Schauspieler schickt, damit sie das Lügen lernen. Wie kommt man damit klar: Lügen um durchzukommen, ein Leben lang?
BZ: Es war Ihnen nicht klar, dass der Staat irgendwann zusammenbricht?
Tellkamp: Nein. Überhaupt nicht. Mein Bruder hat noch kurz vor der Wende gewettet, dass es in den nächsten zehn oder fünf Jahren kracht. Er hat eine ganze Kiste Champagner gewonnen.
BZ: Dann kam die Wende völlig überraschend für Sie.
Tellkamp: Dass irgendetwas passieren würde, war abzusehen. Ich habe im Zuge meiner Einberufung zur Armee in dem riesigen Braunkohle-Kombinat südlich von Leipzig gearbeitet. Einmal zeigte der Brigadier auf diesen Hügel und sagte: Hier haben wir die ganzen DDR-Vorräte liegen — für 1989, 1990 und 1991. Und dann ist Schluss.
BZ: Ist Ihr Roman die Beschwörung einer verlorenen Vergangenheit oder sehen Sie in ihm auch ein utopisches Moment?
Tellkamp: Mein Roman ist eine Untersuchung darüber, wie die sozialistische Utopie — des neuen Menschen, der Solidarität — sich in der Wirklichkeit dargestellt hat. Dieser Konflikt zwischen dem, was von der Staatsideologie her sein sollte, und dem, was real existierte, davon ist das Buch zu größten Teilen gespeist. Lichtes Morgenrot: Der Idealismus war am Anfang ja da. Und echt. Und dann ist er verkommen. Aus welchen Gründen auch immer.
BZ: Und ihre Turmgesellschaft?
Tellkamp: Das ist die Gegenutopie. Die der ersten allerdings verblüffend ähnelt. BZ: Noch eine persönliche Frage, Herr Tellkamp. Sie leben seit einiger Zeit in Freiburg. Warum?
Tellkamp: Es gibt einen profanen Grund: Meine Frau hat hier eine Stelle als Planerin für Krankenhäuser. Zum anderen haben wir hier die beste Luft, die wir je geatmet haben.
In der Veranstaltungsreihe "Doppelzimmer" des Literaturbüros Freiburg und der Buchhandlung Schwarz spricht Uwe Tellkamp am kommenden Donnerstag, 20 Uhr, im Weindepot Andreas Dilger in Freiburg, Urachstraße 3, mit dem Historiker Jan N. Lorenzen über seinen Roman. 
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