Das Buch, mit dem alles begann
Schriftsteller schauen zurück auf ihr Debüt — eine Lesung mit Katja Lange-Müller in Freiburg
Ein ungewöhnliches Projekt, weil nicht das druckfrische Buch, sondern das Abgelegte, beinahe Vergessene im Zentrum steht, das Verdrängte auch, das mitunter peinlich berührt. "Das erste Buch" : Unter diesem Titel lud Renatus Deckert über hundert deutschsprachige Autoren ein, sich ihres Debüts zu erinnern. Einige wie Christa Wolf sagten ab, weil die zeitliche Distanz zu groß und andernorts schon alles gesagt sei. Immerhin eine stattliche Zahl kam zusammen, große Namen darunter wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Peter Handke, Ilse Aichinger, Hans Magnus Enzensberger.
Das Buch also, mit dem alles begann, jener Pflock, mit dem der alsdann mühsam verteidigte Autorentitel in den Boden gerammt wurde. Die Betreffenden sehen das weit nüchterner, zeigen sich erstaunt über die Ambitionen von einst, kommen sich oft fremd vor gegenüber jener Person, die Kontinuität behauptet. Belustigt, überrascht, neugierig konfrontieren sie sich mit dem Phänomen, doch ohne Sentimentalität. In einem sind sie sich einig: Die wichtigen Bücher standen noch bevor.
"Es hätte mir nichts gefehlt, wenn ich es nicht geschrieben hätte" , sagt Katja Lange-Müller, die Autorin aus Berlin, deren jüngster Roman "Böse Schafe" im Herbst 2007 für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde: "Was das erste Buch motiviert, ist eben nicht die eigene schriftstellerische Berufung, sondern die Lust am Spiel und Experiment, an der öffentlichen Selbstbefragung. Wenn die Beschäftigung mit sich selbst zurücktritt, wird das Schreiben sicherer, aber ganz und gar nicht leichter, im Gegenteil: Kontinuierlich steigt der Erwartungsdruck."
So etwas wie Routine dürfe es in der Literatur nicht geben, sondern nur das Bemühen um sprachliche Präzision: "Die erste Regel lautet: Streichen." Ihr 1986 bei S. Fischer erschienener Erzählband "Wehleid — wie im Leben" konfrontierte Lange-Müller beim Wiederlesen mit einem Sammelsurium unterschiedlicher Textarten, einem "Teller bunter Knete" Auch wenn der 24-Jährigen mancher selbstverliebte Kalauer verrutscht, bewundert sie doch den Mut dieser Katja Lange-Müller. Mancher literarische Irrwitz von einst wurde von der Realität überholt, wie der Vorschlag des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, Österreicher und Deutsche mögen den Juden Land abtreten. "Nein denke ich" , so Lange-Müllers Resümee in "Das erste Buch" , "Wortwitz, pure Satire und nacktes Pathos sind auch nur Talentverschwendung — am Ende, das glücklicherweise noch vor mir liegt. Oder etwa nicht?!"
Von Ilse Aichingers Debütroman "Die größere Hoffnung" waren nach drei Jahren fünf Exemplare verkauft. Siegfried Lenz hatte gleich Erfolg; sein Erzählband "Es waren Habichte in der Luft" ging zwar für ein ornithologisches Fachbuch durch, dass Honorar reichte aber für eine Biskaya-Kreuzfahrt. Einige Autoren hadern: Martin Walser kommen seine ersten Geschichten "inzüchtig" vor, Enzensberger fragt selbstkritisch: "Wie legitimiert sich diese Richterrolle?" Die erquicklichste Sentenz stammt von Friederike Mayröcker. In ihrem Erstling fand sie den Satz: "Es ist alles noch vor mir, die Angst, die Angst vor dem Schmerz, der Schmerz, die Erwartung des Unvollstellbaren." Und jetzt? "Ich schlage das Buch zu und schaue hinter mich, erblicke einen gleichermaßen langen wie beglückenden Lebensweg." Bereut hat "Das erste Buch" noch keiner.
Stefan Tolksdorf

|