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Badische Zeitung vom 19. Juni 2008

Das schreckliche Glück der Freiheit

 

"Hungerengel" : Radiofeature über einen Gemeinschaftsroman von Oskar Pastior und Herta Müller

 

Der Hungerengel ist keine Metapher. Oskar Pastior hat ihn gekannt. Der Hungerengel ist Experte für Meldekraut, Salz, Zucker, Läuse und Heimweh. Man könnte noch die gefrorenen süßen Kartoffelschalen in den Abfallkübeln dazuzählen. Und das Wasser im Bauch und in den Füßen. Denn: "Mehr als aufzählen kann man nicht." Der Dichter ist als 17-Jähriger dorthin gekommen, wo die Währung ein Schaufelhub für ein Gramm Brot ist. Im Januar 1945 wurde er als einer von 80 000 Rumäniendeutschen von den Russen in die Ukraine deportiert. Auch Herta Müllers Mutter gehörte dazu.

 

Vielleicht war es eine Frage der Zeit, bis Pastior und Müller auf die gemeinsame Schicksalsschnittmenge stießen. Vielleicht auch nur ein Zufall. In Lana in Südtirol geschah es, als Pastior Herta Müllers Bemerkung, Tannen seien langweilig, widersprach und erzählte, dass er im Lager aus an Drähte geknoteten Wollfäden Tannenzweige gebastelt hätte. Müller war elektrisiert. Ihre Mutter hatte das Schweigen über ihre Lagerzeit nie gebrochen — so blieb diese für die Tochter eine unheimliche Leerstelle, erfahrbar allein über der Mutter "Komplizenschaft mit der Kartoffel" . Es begann die denkwürdige Zusammenarbeit an einem großen (auto)biographischen Roman über fünf Jahre Lagerhaft und Zwangsarbeit: Pastior erzählte, Müller schrieb auf, fasziniert vom Detailreichtum seiner Erinnerungen — bis zu Pastiors unangekündigtem Tod am 6. Oktober 2006, kurz vor der Verleihung des Büchner peises. Dieser einmaligen Konstellation haben Ulrike Janssen und Norbert Wehr ein großartiges Radiofeature gewidmet, das von der ersten bis zur letzten Minute aufregend ist. Denn es eröffnet aus der Sicht Herta Müllers einen neuen Blick auf den Lyriker, der die Sprache von den semantischen Zwängen befreite und ihr die Freiheit des — mathematisch berechneten — Spiels gab.

 

Wie ernst es Pastior indes damit war, so ernst, dass ihm die landläufige Etikettierung als Sprachspieler "weh getan hat" (Müller), wird einem vielleicht erst jetzt klar. "Er war ein Verzweifelter" , sagt Herta Müller. "Er hat ja auch um sein Leben geschrieben." Der kluge Bericht Herta Müllers, eine von Respekt getragene Umkreisung des Dichters und Menschen Oskar Pastior, mehr noch: eine nachgetragene Liebeserklärung, wird durch das Einblenden der sanften Stimme des Lyrikers zum Wechselgesang. Es ist ein hoher Genuss, zwei so genauen Spracharbeitern zuzuhören — und man kann nur hoffen, dass Herta Müller ihr "glücklich sturztrauriges" Versprechen, den Roman zu Ende zu bringen, erfüllen wird. Dann erfährt man womöglich noch Genaueres über die Ambivalenz von Pastiors Lagererfahrung. Das Lager gab dem Heranwachsenden auch so etwas wie Halt. Das Ende der Haft empfand er als "schreckliches Glück" . Die Reise, die Pastior fünfzig Jahre später mit Herta Müller dorthin unternahm, stimmte ihn euphorisch. Seiner Begleiterin kam es vor, als kehre hier einer nach Hause zurück. Oskar Pastiors Arbeitszwang, deutet Herta Müller an, könne auch aus einer Angst vor der Freiheit rühren. Arbeitszwang — Zwangsarbeit: Ihr gehört das letzte Wort in diesem an Bildern, Einsichten, Klängen reichen Feature. Zwangsarbeit, sagt Pastior, und mehr sagt er nicht, wird einem angetan. Vielleicht taugt ihm deshalb das Wort "Erinnerung" nicht. Besser passt "Kühlturmwolke" oder "Viertelstundenglut" . So wird Erinnerung Literatur.

 

Bettina Schulte


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