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Badische Zeitung vom 17. Juni 2008

Ein Reisender ohne Gepäck

 

Profanes und Heiliges: Gesammelte Texte des Schriftstellers Ilija Trojanow / Lesung in Freiburg

 

Das Leben ist eine Reise: Getrieben von einer tiefen Sehnsucht begeben wir uns auf die Suche, mit uns reist immer die Hoffnung nach dem Einswerden, dem Verschmelzen mit etwas Größerem. "Die Frage ,Woran glauben Sie? übersetzt sich auch als ,Wonach suchen Sie? " , schreibt Ilija Trojanow in dem Band "Sehnsucht — Mach dich auf den Weg" . Das Buch ist in der Reihe "Bibliothek der Spiritualität" des Herder Verlages erschienen, und doch gehen die darin enthaltenen Texte weit über die persönlichen Erfahrungen einer spirituellen Suche hinaus.

 

Das sinnliche und ästhetische Erleben in der Tradition der islamischen Mystiker ist bei Trojanow untrennbar verbunden mit dem Blick von außen, der nur durch das Reisen möglich wird. Für Fatma Sagir, Herausgeberin des Buchs, ist es diese zugleich rationale und emotionale Herangehensweise an den Glauben ebenso wie die Verbindung von Profanem und Heiligem, die Trojanows Texte auszeichnen. Der in Freiburg lebenden Islamwissenschaftlerin und Journalistin ist mit ihrer Auswahl eine sehr sorgfältige Zusammenstellung von Sachtexten, Romanauszügen, Essays und Interviews gelungen. Seine Perspektive ist immer die eines "reisenden Schriftstellers" — ohne Gepäck, ohne Vorurteile, ohne Freunde — zwischen Kontinenten, Religionen, Kulturen und Menschen.

 

Trojanow geht es bei seinen Reisen keineswegs darum, die eigene Sehnsucht im Spiegel des exotischen Unbekannten zu stillen. Statt der eigenen Wirklichkeit rückt die seines Gegenübers in den Vordergrund, und das Schreiben wird zu einem Weg, "das eigene Ego zu bändigen, zu dämpfen" . Dazu gehören auch körperliche Entbehrungen: Mehrere Monate ging Trojanow zu Fuß durch Tansania auf den Spuren von Richard Francis Burton, der Titelfigur des "Weltensammlers" . In der Begegnung mit dem Fremden werden wir unserer eigenen Illusionen gewahr. Die bei vielen Menschen aufkommende Sehnsucht nach Heimat ist für Trojanow befremdend. "Warum sollte jemand nach einer Beschränkung Sehnsucht haben, die der singuläre Begriff Heimat ja automatisch vermittelt" . In den Zeiten zunehmender Mobilität und globaler Vernetzung sei das Andere ohnehin in uns selbst. Für den "Weltensammler" Trojanow gilt es stattdessen die Fremde zur Heimat zu machen, an verschiedenen Orten Wurzeln zu schlagen und das Korsett kultureller Homogenität abzustreifen.

 

Aber schafft der Glaube nicht auch Begrenzungen? Statt Wahrheit zu suchen, behaupte Religion Wahrheit, so Trojanow. Ideologisierung und das Festhalten an buchstabengetreuer Auslegung stehen einer weltoffenen Spiritualität entgegen. Als Anhänger des Sufismus, der islamischen Mystik, die als Liebe zum Absoluten definiert wird, nähert Trojanow sich Gott auf einer ästhetisch-sinnlichen Ebene. Die spirituelle Disziplin ist entscheidend. Das Göttliche kann sich überall manifestieren und verschmilzt mit der Suche nach dem "Aus-den-Fugen-Geratenden" ebenso wie nach dem "Grün des fernsten Grases" . Ilija Trojanow ist ein moderner Mystiker, der nicht analysiert, jedoch reflektiert und genug Raum für unsere Sehnsucht nach Geheimnissen lässt.

 

Sandra Megahed

 

— Ilija Trojanow: Sehnsucht. Mach dich auf den Weg. Herausgegeben von Fatma Sagir. Herder Verlag, Freiburg 2008. 157 Seiten, 7 Euro.

— Der Autor liest heute um 20 Uhr in der Katholischen Akademie, Freiburg, Wintererstraße 1.

 

 

 

 

 

 


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