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Badische Zeitung vom 07. Juni 2008

Überwachung in Zeiten der Videobilder

 

Im "Doppelzimmer": Ulrich Peltzer und Dietmar Kammerer

 

Ein Urteilsspruch war von den drei Herren, die auf der Richterbank des Freiburger Landgerichts Platz nahmen, nicht zu erwarten; die Anklagebank blieb leer, Zeugen traten keine auf. Das Thema, über das hier verhandelt wurde, legte den Ort gleichwohl nahe: die um sich greifende Überwachung des Bürgers im öffentlichen Raum durch Videokameras — so wie sie der Schriftsteller Ulrich Peltzer in seinem jüngsten Roman "Teil der Lösung" aufgreift und wie sie der Kulturwissenschaftler Dieter Kammerer in seiner — demnächst bei Suhrkamp — erscheinenden Doktorarbeit untersucht hat.

 

"Doppelzimmer" haben das Literaturbüro Freiburg und die Buchhandlung Schwarz ein neues ambitioniertes Veranstaltungsformat genannt, das einen Autor, statt ihn nur lesen zu lassen, mit einem Experten zusammenspannt, auf dass sich ein Gespräch zwischen ihnen entwickle. Zum Auftakt hatte der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss mit Robert Stockhammer vom Zentrum für Literaturforschung in Berlin über seinen Ruanda-Roman "Hundert Tage" diskutiert. Nun also Peltzer, der in "Teil der Lösung" die Geschichte des 70er-Jahre-Terrorismus und die eines neuen Aktivismus im Berlin der Gegenwart in einer wild-schönen Liebesgeschichte zusammenführt, und Kammerer, der sich in seinem Buch der Videoüberwachung als einem Phänomen unserer Zeit widmet. Geht das zusammen?

 

Dank der geschickten Gesprächsregie des Moderators Christian Rath kam zumindest in Ansätzen so etwas wie ein Disput zustande — wobei schnell klar wurde, dass sich die Perspektiven seiner Gesprächspartner radikal voneinander unterschieden. Wo Peltzer, der seinen Roman vor der Monitorwand im Sonycenter am Potsdamer Platz beginnen lässt, die Videoüberwachung in einen größeren Zusammenhang eingebettet sieht: den "Umbau der Gesellschaft" von einer Solidargemeinschaft zu einem System, das über Ausschlussmechanismen funktioniert, hat Kammerer in seiner Studie den Sinn und Zweck von Videoüberwachung in den Blick genommen. Untersuchungen in England, wo inzwischen mehr als 4 Millionen Kameras das Treiben der Städter aufnehmen, haben ergeben, dass die teuer ins Werk gesetzte Videoüberwachung entgegen politisch anders lautender Beteuerungen so gut wie nichts zur Prävention von Straftaten beiträgt.

 

Und wo Peltzer darauf insistierte, dass im Namen der Sicherheit ein gesellschaftliche Bedrohungspotenzial definiert werde, das vom illegalen Migranten bis zum mutmaßlichen Kofferbomber reiche und das so unter Kontrolle gebracht werden solle, wollte Kammerer die Überwachungstechniken keineswegs nur verteufeln. Prostituierte etwa benutzten das Auge der Kamera als Schutz vor Freiern; auch habe sich gezeigt, dass videoüberwachte Überfälle ohne Gewalt verliefen, weil sich das Opfer in der gutgläubigen Hoffnung auf Hilfe nicht wehre.

 

Die Einstellung gegenüber den Kontrollinstrumenten des Staates hängt wesentlich davon ab, ob man ihm ver- oder eher misstraut. Ulrich Peltzer jedenfalls gestand ein, dass er sich unwohl fühle bei dem Gedanken, "dass man weiß, wo ich im Internet gesurft habe" . Deshalb plädierte er im Ernst (oder vielleicht doch nicht ganz?) für eine Rückkehr zum guten alten Briefeschreiben. Ob das ein probates Mittel zu Meisterung des Alltags in Zeiten beschleunigter elektronischer Kommunikation ist, sei dahingestellt. In einem mag Peltzer aber recht haben: Die mentalen Toleranzgrenzen für den Datenschutz verschieben sich schleichend. Das hat der Skandal um die Überwachung bei der Telekom eben wieder deutlich gemacht.

 

Bettina Schulte


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