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Badische Zeitung vom 28. Mai 2008

"Die Musik hat erstmal recht"

 

BZ-Interview: Thomas Meinecke über Pop, Rock und Jugend / Lesung aus dem Buch "Beat Stories"

 

 

Thomas Meinecke (52) ist als Musiker, Radio-DJ und Autor ein Verfechter intelligenter Popkultur. Seine Band FSK hat im Februar ihr zwölftes Album veröffentlicht, sein fünfter Roman "Jungfrau" erscheint im September. Zwischendurch hat Meinecke einen Beitrag zu dem Band "Beat Stories" geschrieben, aus dem er am Donnerstag in Freiburg vorliest, zusammen mit Herausgeber Thomas Kraft. Die 79 Geschichten handeln vom Einfluss der Rock- und Popmusik auf die Jugend. Darüber sprach Thomas Steiner mit Meinecke.

 

BZ: Herr Meinecke, in den "Beat Stories" erzählen die Autoren, wie die Musik von Ten Years After, Eric Burdon oder Little Richard sie in den 60er- und 70er-Jahren als junge Menschen beeindruckt und verwandelt hat. Ist diese Empfänglichkeit für Musik eine Phase nur der Jugend?

 

Thomas Meinecke: Die meisten Leute schließen irgendwann ab mit dem Aneignen von Poppositionen, meistens schon in ihren frühen 30ern. Mich hat das nie verlassen, die Herausforderung, die mir jeweils neu auftretende Musiken stellen. Ich muss mich ständig neu entpuppen mit meiner neuesten Lieblingsmusik.

 

 

BZ: Der Autor Franzobel tut in dem Buch die Popmusik als Jugendmode ab: "Ich denke, dass wirklich jede Generation ihre Musik und ihre Mode braucht, etwas, woran man sich später einmal erinnern kann (& ). Die alten Nazis haben die Hitlerjugend, und wir haben den Pop, Pink Floyd, die Beatles und die Stones."

 

Meinecke: Da wird das ganze Leben so gesehen, als wenn man einmal ejakuliert und dann dem Tod entgegenrollt. Das gibt es auch bei Nick Hornby: Jeder hat so seine Musik und wird damit alt. Gegen diese Vorstellung kämpfe ich, dafür ist Musik zu interessant.

 

BZ: In dem Buch schreibt Jan Konetzke über seine Jugend: "Die Musik Bob Dylans war das schlichtweg Andere in dieser trostlosen protestantisch-braunen und grenznahen Provinzstadt." Und Volker Kaminski: "Es ist vor allem die Stimme des Sängers und Texters Peter Hammill, die mich süchtig macht. (& ) Das bin ich, das ist mein Gefühl, mein Ausdruck." Ist Identifikation das Wichtige beim Hören?

 

Meinecke: Wie Bob Dylan sich da angeeignet wird, so dass man selbst dann der Andere in der Provinzstadt ist, das ist schon das Hauptangebot der Identifikation. Das ist es, was man, wenn man jung ist, in der Kunst sucht, auch in der Literatur. Da sucht man Geschichten, in denen man sich mit dem Helden identifizieren kann. Das andere Leseerlebnis, das des Befremdens, muss erst erlernt werden.

 

BZ: Bei Ihnen scheint es das aber gleich gewesen zu sein, in Ihrem Beitrag ist nachzulesen, wie Ihnen 1972 Roxy Music zu denken gaben, mit ihrer Künstlichkeit und dem Androgynen.

 

Meinecke: Es war tatsächlich so, da ging es eher um eine Irritation: Hier ist etwas formuliert, aber ich verstehe es noch nicht. Das ist eine meiner grundlegenden Erfahrungen gegenüber Pop: Immer erst mal zu denken, die Musik hat recht und ich bin irgendwie nicht bereit. Das fordert mich ständig heraus, natürlich nicht bei Nazi-Rock oder Scooter, aber bei den intelligenteren Manifestationen von Pop.

 

BZ: Geht es auch auf Roxy Music zurück, dass Sie mit Ihrer eigenen Band Musik machen, die immer andere Musik zitiert, und Texte, die Madonna zitieren?

 

Meinecke: Ganz genau, weil sie die erste Band waren, die das Zitat mitten auf die Bühne gestellt haben, das nicht Eigene.

 

BZ: Viele Leute suchten genau das Gegenteil in der Rockmusik: den unmittelbaren Ausdruck, die Selbstverwirklichung.

 

Meinecke: Das erlebe ich auch noch dauernd in meiner Generation, auch unter Jüngeren. Für mich ist die Vermitteltheit ein Kennzeichen unserer Kultur, ich finde es schön, wenn man sich bewusst ist, in welchen Kontexten unsere Kultur abläuft. Aber es muss sich nicht jeder so viele Gedanken über die Musik machen. Das Tolle ist ja, dass sie einfach so daher kommt und ermöglicht, eine tolle Nacht zu verbringen, und nicht darüber nachzudenken, war das jetzt authentisch oder nicht — es war einfach super.

 

— Thomas Kraft (Hg.): Beat Stories. Blumenbar, München 2008. 384 Seiten, 19,90 Euro. Lesung: Freiburg, E-Werk, Do, 29. Mai, 20 Uhr, anschließend Party.

 


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