Der schreckliche Musterschülern
Was hat die Schweiz mit dem Völkermord in Ruanda zu tun? Mehr als man zu denken wagt, behauptet Lukas Bärfuss’ Roman "Hundert Tage" / Von Martin Halter
Das Gerücht von der Rückkehr des politischen Romans basiert auf einem Missverständnis. Dirk Kurbjuweit ("Nicht die ganze Wahrheit" ) und Michael Kumpfmüller ("Nachricht an alle" ) haben nur mehr oder weniger gute Politiker-Romane geschrieben. Der Schweizer Lukas Bärfuss aber hat wirklich einen politischen Roman geschrieben, einen sehr bemerkenswerten sogar, obwohl die von der Geschichte verschonte, neutrale Schweiz als schlechtes Pflaster dafür galt.
Bärfuss hat sich mit Theaterstücken über drängende gesellschaftliche Probleme wie Sterbehilfe oder Vaterschaftstests auch auf deutschen Bühnen einen guten Ruf erworben; sein Prosadebüt, die Novelle "Die toten Männer" (2002), war dagegen todlangweilig, ohne jede literarische oder politische Relevanz. Jetzt aber geht es nicht mehr um die Sinnkrisen eines lebensmüden Buchhändlers, sondern um das Versagen der Schweizer Entwicklungshilfe beim Völkermord in Ruanda, mehr noch: um die Mitschuld hochmütiger, braver, naiver Moralisten am größten Genozid seit Auschwitz. Ja, die Schweizer haben immer geholfen — und sich bei jedem Verbrechen, an dem sie beteiligt waren, hinter einem noch größeren Verbrecher versteckt. "Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten. Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben." Das ist starker Tobak.
Ruanda galt einmal als die Schweiz Afrikas: ein Bilderbuchland mit fleißigen, friedlichen Bergbauern, einer florierenden Wirtschaft, wenig Korruption und einer funktionierenden Demokratie. So lernte es Bärfuss in der Schule, und deshalb drängelten sich auch 220 Hilfsorganisationen in Kigali, darunter die einflussreiche Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). 1994 verwandelte sich das beinahe "langweilig zivilisierte" Paradies binnen weniger Wochen in eine "perfekte Hölle" , als Hutu 800 000 Tutsi abschlachteten. Das Massaker gilt mittlerweile als gut erforscht und ist auch in Filmen wie "Hotel Ruanda" und Romanen wie Gil Courtemanches "Ein Sonntag am Pool in Kigali" oder zuletzt Andrew Millers "Optimisten" immer wieder thematisiert worden. Sozialwissenschaftler sagen, dass es keine "normale" Stammesfehde, kein Rücksturz in atavistische, anarchische Gewalt war, sondern ein moderner, systematisch geplanter Völkermord.
Bärfuss kennt die Literatur und spitzt diese Deutung noch weiter und schmerzhafter zu: Was den westlichen Medien damals als Beleg für die ewige Unergründlichkeit und Grausamkeit des Schwarzen Kontinents erschien, ist für ihn ein schrecklicher Triumph Schweizer Rechtschaffenheit. Ruanda war unser gelehriger Schüler: Der Völkermord konnte nur deshalb so laut- und reibungslos exekutiert werden, weil Schweizer Gutmenschen, politisch korrekte Idealisten mit besten Absichten, die Infrastruktur dafür bereitgestellt (die Macheten kamen aus China), die Hetz-Journalisten geschult, den Präsidenten beraten hatten — und nicht wahrhaben wollten, was nicht sein durfte. Die "Symbiose von unserer Tugend mit ihrem Verbrechen" zerreißt dem (fiktiven) Entwicklungshelfer David Hohl das Herz: "Weil ich gerecht sein wollte, wurde ich schuldig, und als ich mich schuldig machte, fühlte ich mich gerecht" . Und wenn die Schweiz Afrikas Abgründe birgt, kann auch die Schweiz einmal das Ruanda Europas werden.
Mag sein, dass Bärfuss hier zu schwarz sieht; aber er richtet nicht. Es gibt keine einfachen Wahrheiten, und auch er hat keine Lösungen. Man muss die Augen offen halten und selber urteilen. Bärfuss hat zwei Jahre lang für seinen Roman recherchiert: Augenzeugen befragt, Akten gelesen, Schauplätze des Terrors besucht. Manchmal droht der Roman unter der Last all der Fakten über Geschichte, Politik, Mineralogie und sogar Bohnenzucht Ruandas fast zu ersticken. Aber Bärfuss schafft es immer wieder, seine Recherchen erzählerisch zu verflüssigen, seine Zweifel in vitale Figuren und starke Bilder (darunter bezwingende Tiermetaphern wie die vom gefangenen Bussard oder vom Berggorilla, dem "spirituellen König" aller Ruanda-Touristen) zu verwandeln. Das Grauen, das Joseph Conrad einst im nahen Kongo, sah, wird nur dezent und indirekt beschrieben, aber es ist überall und verstörend konkret.
David bleibt im April 1994, als alle Weißen evakuiert werden, in Kigali. Sehenden Auges blind, lebt er in seinem Versteck von dem, was sein Hutu-Gärtner mordend und plündernd zusammenrafft, und schaut feige weg, als marodierende Kindersoldaten die Tutsi-Haushälterin abholen. Er hätte wissen können, was sich zusammenbraute: Seine schwarze Geliebte, die westlich gebildete, kultivierte, ironische Agathe, verwandelte sich in seinen Armen in "Madame Pompadour" , eine "bornierte, verschlagene, sadistische Rassistin" und Mörderin. Und das Schlimmste daran: Die Metamorphose erregt den Menschenfreund, auch sexuell. Je fremder Agathe ihm wird, desto aufregender empfindet er ihre Schamlosigkeit, ihre "liederliche" Grausamkeit — und seine eigene Verworfenheit.
So driftet David immer weiter weg von der fast kafkaesken "Direktion" : weg von Marianne, der mütterlichen Koordinatorin, weg von Paul, der seinen ungezogenen Musterschülern den Völkermord persönlich übel nimmt, hin zu Missland, dem korrupten Huren- und Sündenbock der Europäerkolonie. Schweizer Entwicklungshelfer sind "Kooperanten" : engagiert, nüchtern, belastbar. Sie sprechen Französisch, die Sprache der Vernunft, und schließen ihre Büros pünktlich um 17 Uhr. Worüber die Einheimischen in ihrem Bantudialekt reden, verstehen sie nicht, und was sie nachts in ihrem "Paralleluniversum" treiben, wollen die Freunde der Ordnung und "interkulturellen Kommunikation" lieber nicht wissen. Bärfuss blickt tief ins Herz der Finsternis, und das macht "Hundert Tage" zu einem großen, aufwühlenden Roman.
— Lukas Bärfuss: Hundert Tage. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 198 Seiten, 19,90 Euro .
— Der Autor diskutiert am 9. Mai um 20 Uhr in der Freiburger Buchhandlung Schwarz, Günterstalstraße 44, im Rahmen der vom Freiburger Literatur- büro und der Buchhandlung organisierten neuen Reihe "Doppelzimmer" mit Robert Stockhammer, Forschungsdirektor am Zentrum für Literaturforschung in Berlin. 
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