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badische zeitung vom Dienstag, 18 März 2008


Gilberto Gil — Musiker und brasilianischer Kultusminster(FOTO: DPA)

Mehr als Klang und Zerstreuung

"HörBar" : Ein Vortrag über schwarze Musik und Sklaverei

 

 

Ausschweifender Karneval und das brutale Leben in den Favelas. Das sind die Extreme, die das Bild von Brasilien immer noch prägen. Samba und die Bossa nova skizzieren ebenso Pole in der Musik, traditionell und ausgelassen auf der einen, intellektuell und sanft auf der anderen Seite. Doch dazwischen liegen Welten. Die "nossa música" , unsere Musik, wie die Brasilianer die Música Popular gerne bezeichnen, ist mehr als nur Klang und Zerstreuung, seit den 80er Jahren mit dem Ende der Militärdiktatur geht es vor allem um das Selbstverständnis der farbigen Bevölkerung: Rassismus im Alltag und die Verschleppung der afrikanischen Vorfahren werden thematisiert, nicht ohne ein neues Selbstbewusstsein zu formulieren. So lässt sich ungefähr der Rahmen bestimmen für den mit Dias und Hörbeispielen angereicherten Vortrag "Der Mond von Gorée — Schwarze Musik und die Geschichte der Sklaverei in Südamerika" von Margrit Klingler-Clavijo. Er fand statt in der vom SWR und Freiburger Literaturbüro veranstalteten Reihe HörBar.

 

Margrit Klingler-Clavijo hat lange in Brasilien gelebt, das Schlüsselerlebnis, sich mit so einem "schweren und ernsthaften Thema" zu beschäftigen, war ein brutales: Im Winter 1993 wurden in Rio acht schwarze Jugendliche auf offener Straße ermordet. Gleichzeitig erschien von Gilberto Gil, heute Kultusminister, und Caetano Veloso das Album "Tropicália 2" . Dessen erstes Stück "Haiti" bringt Vergangenheit und Gegenwart auf den Punkt. "Haiti ist nicht hier" lautet der Refrain. Dort wurde die Sklaverei zwar schon 1804 abgeschafft, in Folge dessen aber ignorierten die "imperialen Mächte das Land und es verkam zum Armenhaus der Neuen Welt" . Andererseits steht Haiti symbolisch für die Befreiung der Menschheit. Doch die ist längst noch nicht verwirklicht — in Brasilien weder materiell noch in den Köpfen.

 

Nicht jedes Stück, was sich heiter und beschwingt anhört, ist es auch. Veloso hat mit "Noites do Norte" (2000) ein ganzes Album der Sklaverei gewidmet, seine Schwester Maria Betanhia, in ihrer Heimat ein Superstar, gründete ein eigenes Label, um weiterhin anspruchsvolle Musik veröffentlichen zu können. Sie stammen alle wie die Gruppe Olodum aus Salvador da Bahia im Nordosten, heute das Zentrum eigenwilliger und emanzipatorischer Musik — ehemals der wichtigste Sklavenhafen Brasiliens. Jüngere Künstler wie Carlinhos Brown engagieren sich auch sozial in den Favelas, initiieren Projekte mit Straßenkindern.

 

Ein weites Feld, musikalisch, soziokulturell wie historisch, Margrit Klingler-Clavijo kann es nur anreißen. Ein Dia zeigt den Holzschnitt eines Sklavenschiffes, indem die Menschen gestapelt sind wie Sardinen in der Dose. Viele der Schiffe starteten von Gorée aus, einer kleinen Insel vor dem Senegal, die Festung ist heute Weltkulturerbe. Dann ging es über Europa nach Amerika. Mehr als ein Drittel der Verschleppten starb schon auf der Reise. Ein Lied Gilberto Gils gab dem Vortrag den Namen: "La lune de Gorée" .


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