unterstützt von
Ziro! Poetische Events und Narratives Coaching.
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom 13. Februar 2008

 

Kriege gewinnt man nicht Abo

 

 

Der Tschetschenien-Konflikt in der Freiburger Reihe "HörBar" : ein Radio-Feature und ein Film

 

 

Es sei ein "Krieg im Verborgenen" , heißt es einmal in Gisela Erbslöhs Radio-Feature "Was vom Leben bleibt" — eine treffende Lagebeschreibung angesichts dieses Konfliktes, der, wie so viele weltweit, militärisch wohl nicht zu lösen sein wird. Ein Krieg, der das Land wie ein Schwelbrand überzieht, nicht offiziell erklärt, immer wieder auflodernd, mit unklaren Frontlinien, entsetzlichen Verwüstungen, einer zerstörten Zivilgesellschaft und unleugbaren Traumata auf beiden Seiten. In Tschetschenien geriert sich Russland als imperiale Großmacht im Wahn, tschetschenische Terroristen zu bekämpfen, während der Widerstand der Einheimischen auf eine verhasste Besatzerarmee zielt und in Attentaten die erlittene Gewalt zu rächen versucht.

 

In der medialen Wahrnehmung fast vergessen oder mit System ignoriert, steht der Tschetschenien-Konflikt im Zentrum der jüngsten Veranstaltung der "HörBar" -Reihe. Vom Literaturbüro Freiburg, dem SWR 2 und dem Kommunalen Kino veranstaltet (Kuratorin: die Freiburger Übersetzerin Beate Thill), lädt der Abend zu einer Exkursion in ein vielfach geschundenes Land ein. Das menschliche Drama, für das die Region Tschetsche nien / Inguschetien / Ossetien die bluttriefende Bühne abgibt, reicht mindestens bis in die Ära der 1944 von Diktator Stalin verfügten Deportationen zurück. Ein anonymes Leiden erfahrbar machen, indem man ihm individuelle Stimme und individuelles Gesicht gibt: Diesen sich im Verfahren ähnlich manifestierenden Ansatz verfolgen Gisela Erbslöhs Funk-Feature "Was vom Leben bleibt" (Deutschlandradio, 2007) und Kerstin Nickigs deutsch untertitelter Dokumentarfilm "Lieber Muslim..." (Deutschland / Polen, 2005).

 

O-Töne, Musikintermezzi, Kommentare aus dem Off — formal bedient Erbslöh die im Radio geltenden Gesetze des dokumentierenden Features. Dass sie diesen "im Verborgenen" wütenden Konflikt ausschließlich aus weiblicher Perspektive spiegelt, ist unmittelbar einleuchtend; fast jede zweite Frau, berichtet Rosa, ist in Tschetschenien heute Witwe, "die Männer haben ihre eigentliche Funktion verloren" . Die von einem rigiden Ehrenkodex wie patriarchalischen Moralvorstellungen geprägten Geschlechterrollen sind jäh in Bewegung geraten.

 

Was Militärs niemals lernen werden, rückt die Sendung mit bestürzender Deutlichkeit ins Zentrum: Kriege gewinnt man nicht: Sie legen den Grund für immer neue Gewalt. In unmittelbarer Reichweite von Mitteleuropa, das seit über sechzig Jahren die Realität eines Krieges nicht mehr zu ertragen hatte, tobt in Tschetschenien ein permanenter Ausnahmezustand, der die Zivilbevölkerung, besonders Frauen und Kinder, mit Gesetzlosigkeit, Gewalt und Angst heimsucht. In Rosas Formulierung: "Du weißt nicht, was Angst ist, wenn du nicht damit gelebt hast."

 

Dem Morden entronnen, aber nicht in Sicherheit: In dieser Situation befinden sich Sacita, ihr Mann Said-Selim und der vierjährige Sohn Muslim; in einem ostpolnischen Flüchtlingsheim wartet die Familie auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. Auch Kerstin Nickig wählt in ihrem Dokumentarfilm "Lieber Muslim..." ein individuelles Schicksal, um im Besonderen das Allgemeine zu zeigen. Das Ehepaar hat das Wüten der russischen Soldateska und die Reaktionen der Opfer selbst mit der Videokamera dokumentiert. Diese unruhig vibrierenden Sequenzen hat die Regisseurin mit Interviewpassagen klug montiert. "Lieber Muslim..." : So beginnt Sacitas an den Sohn gerichtetes Tagebuch, aus dem der Film immer wieder zitiert. Ein Tagebuch als inneres Logbuch, um Kursbestimmung in unbekanntem Gelände bemüht, psychisches Protokoll und Rechenschaftsbericht, adressiert an ein Kind, getragen von der Hoffnung, in der Zukunft, und sei sie noch so fern, ins geliebte Tschetschenien zurückkehren zu können.

Hartmut Buchholz

 

— HörBar "Was vom Leben bleibt" morgen um 20 Uhr im Freiburger Kommunalen Kino. 0761 — 70 90 33.

 


© 2005 beebox