Leser haben ein Recht auf Unverständnis
Ron Winkler und Monika Rinck stellten im Carl-Schurz-Haus junge amerikanische Lyrik vor
"Nimm diesen Sing / Und sei mit mir verwählt" . Wortschöpfungen. Überraschend, komisch, schwindelerregend. Die deutschen Übertragungen im Lyrikband "Schwerkraft" stehen ihren amerikanischen Originalen in nichts nach. Wir fühlen uns an die language poetry der siebziger Jahre erinnert: Sprache hat mit Wirklichkeit nichts zu tun. Sie ist Material. Der postmoderne Spieltrieb lässt dem Leser sein "Recht auf Unverständnis" , das Lyrikerin Monika Rinck einklagt. Daneben schildern "stoffsatte Mittelstreckenballaden" , so Herausgeber Ron Winkler, verstörende Lebenswirklichkeiten.
19 junge amerikanische Lyrikerinnen und Lyriker versammelt die Anthologie. Selbst Dichter, hat Ron Winkler sich mit Monika Rinck und sechs Kollegen auf den Seiltanz eingelassen, die Gedichte ins Deutsche zu übertragen. Das Kunststück gelingt. Mit Bravour. So ging es jetzt im Carl-Schurz-Haus in Freiburg nicht nur um die aktuelle Lyrikszene der USA, sondern vor allem um Knackpunkte der Übersetzung. Im lockeren Austausch sprachen Rinck und Winkler Fragen an, die sich bei der Arbeit stellten: Kann der Anglizismus stehen bleiben? Wird er dann, anders als im Original, nicht zu sehr mit Coolness oder Werbesprache assoziiert? Und welche deutsche Mundart trifft den sonnenbebrillten California Slang?
"Auf der Suche nach umgangssprachlichen Wendungen neige ich zum Dialekt. Damit hätte ich das Gedicht aber von der Westküste der USA nach Hessen gebracht. Eine hessisch-kalifornische Co-Produktion. Grauenvoll." Monika Rinck stützt die Stirn in die Hände und schüttelt lange den Kopf. Ihre Quirligkeit überträgt sich unaufhaltsam auf das Publikum. Überaus beweglich ist sie, in ihrer überbordenden Gestik und dem schier unerschöpflichen Bilderreichtum. Es scheint, als vertraue sie auch im Metadiskurs nur der poetischen Sprache. Das "sehr erlesene" Publikum, so Carl-Schurz-Haus-Leiterin Eva Manske bei der Begrüßung angesichts des Beinahe-Patts zwischen Podium und Publikum, tat der Sprachlust aber keinen Abbruch. Im Gegenteil.
"Und deine Augen füllen sich mit was?" "Wasser" , ergänzt der Zuhörer in Monika Rincks Übertragung von Nick Flynns Gedicht "Du fragst wie" . Viele der Texte leben von Klangassoziationen und Assonanzen. Umso wichtiger, dass das Literaturbüro Freiburg und das Carl-Schurz-Haus für die deutsch-englische Rezitation seinen Dozenten Thomas van Breda und den Schauspieler Herbert Schäfer eingeladen hatten. Geleitet von Reim und Alliteration reihen sich oft Wortvariationen, als sei das Gedicht noch unentschlossen, welcher Begríff zu setzen sei. Suchend, prüfend und unabgeschlossen wird es so selbst zum Spiegel des Übersetzungspro zesses.
— Ron Winkler (Hg.): Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik. Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien 2007, 22 Euro. 
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