Steter Aufstieg in höhere Gefilde
Heute vor zwanzig Jahren trat das Literatur Forum Südwest zum ersten Mal an die Öffentlichkeit
Es waren einmal einige Freiburger Autoren. Die hatten sich in einem Seminar der Volkshochschule kennen- und schätzen gelernt. Ihren Treffen zu gegenseitigen Lesungen wollten sie, beflügelt durch den später noch von sich reden machenden "Badendubel" Hubert Konrad Frank, bald einen offiziellen Rahmen geben. Am 17. Januar 1988 war es so weit: In der Galerie Schwarzes Kloster stellten sich zwölf Autoren der Öffentlichkeit; alle Mitglieder des frisch gegründeten Vereins "Literatur Forum Südwest" ; dieser war, wie sich Hans Hoischen, von Anfang an dabei und heute noch im Vorstand, erinnert, auch als Antwort gemeint auf das ein Jahr zuvor aus der Taufe gehobene Freiburger Literaturgespräch, das auf überregional renommierte Schriftsteller setzt. Der Konflikt schwelt untergründig bis heute.
Dass das Literatur Forum zwanzig Jahre durchhalten würde, war nicht vorauszusehen. Der Verein musste mit dem Nichts jonglieren: Es gab kein Geld und keine Räume. Willy Karow, damals schon Leiter des Kommunalen Kinos, war es zu verdanken, dass die Autoren dort im Galerieraum der freien Künstlergruppe ihre berühmt-berüchtigten offenen Lesungen abhalten konnten. Diese waren in den ersten Jahren der Kern des Vereins — und nahmen, so schildert es Hoischen anschaulich, immer mehr den Charakter aggressiver gruppendynamischer Sitzungen an. Arbeitstische, die die leere Mitte des Stuhlkreises ausfüllten, schufen Abhilfe. Sie waren, im Nachhinein betrachtet, der erste Schritt zur Professionalisierung.
Einen ganzen Schub dorthin brachte die Öffnung des Vereins für die Freiburger Übersetzer mit sich. Hoischen: "Der Unterschied zu uns bestand darin, dass die Übersetzer von ihrem Schreiben leben mussten." Im selben Jahr, 1992, hatte die Stadtverwaltung ein Einsehen und stellte dem Literatur Forum einen Raum im Marienbad zur Verfügung: das Büro für Wolfgang Sandfuchs, den ersten — durch eine AB-Maßnahme bezahlten — Geschäftsführer des Vereins. Jetzt konnte gearbeitet werden. Die Zahl der Veranstaltungen verdoppelte sich binnen zwei Jahren; es war, so Hoischen, "ein qualitativer Sprung" .
In der Tat: Die Freiburger Literaturszene, lange als "schütter" totgesagt, begann sich zu entwickeln. Erfolgreiche Autoren wie Annette Pehnt, Martin Gülich und Key Weyand hatten ihre ersten Auftritte in den offenen Lesungen. Das "Literaturbüro / Literatur Forum Südwest" , so seitdem der offizielle Name, vernetzte sich in der Stadt und gewann Kooperationspartner. 2000 übernahm das Duo Gülich/Weyand das Büro, da Sandfuchs als Leiter des Literaturhauses Schleswig-Holstein nach Kiel wechselte. Das Literaturbüro orientierte sich an einem "Vier-Säulen-Modell" : Literaturvermittlung (durch Lesungen, Werkstätten, Veranstaltungsreihen), Autorenförderung, Jugendförderung, Beratung.
Seitdem sitzt das Literaturbüro fest im Sattel der kommunalen Kulturpolitik. Die Diskussion, ob die Stelle wieder gestrichen werden sollte, flammte vor zehn Jahren kurz auf, dann übernahm die Stadt den Posten vom Arbeitsamt. Es ist allerdings auch keine Investition, die den kommunalen Haushalt in Bedrängnis bringen könnte. Mehr als 40 000 Euro im Jahr ist der Stadt ihr Literaturbüro nicht wert. Dazu kommen 8000 Euro Projektmittel aus dem Regierungspräsidium, 2000 Euro von den inzwischen 130 Mitgliedern und 4000 Euro Eintrittsgeld — keine Summen, mit denen sich die literarische Welt aus den Angeln heben ließe.
Umso erstaunlicher, dass für die Nachfolge von Gülich und Weyand, in deren Amtszeit 2003 der überaus glückliche Umzug des Literaturbüros unters Dach des Alten Wiehrebahnhofs in ein nun gemeinsames "Haus für Film und Literatur" fiel, 120 Bewerbungen eingingen. Am weitesten reiste Stefanie Stegmann an: aus der Ukraine. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin bekam den Job; es war die richtige Entscheidung.
Seitdem, seit 2005, steuern Literaturbüro und Literaturforum den Kurs der kleinen Institution mit fast schwindelerregender Geschwindigkeit "in höhere Gefilde" , wie die Badische Zeitung aus Anlass des ersten öffentlichen Auftritts vor 20 Jahren geradezu prophetisch — damals war es wohl eher ironisch gemeint — titelte. Stefanie Stegmann ist es gelungen, mit "Zug 76" und "Wechselstrom" zwei Großprojekte nach Freiburg zu holen, die ansonsten nur in den großen Literaturhäusern der Republik zu Gast waren. Mit Reihen wie "Sprechen über Sprache" hat sie den Kontakt zur Universität hergestellt, in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin und Autorin Beate Thill die ästhetisch avancierte Hörspielreihe "HörBar" im Kommunalen Kino etabliert. Und sie hat dem Literatur Forum Südwest einen ganz besonderen kleinen Triumph beschert: als Moderatorin und Veranstalterin einer Literaturwerkstatt mit Jugendlichen wie einer eigenen Podiumsdiskussion hat sich die Literaturbüro-Leiterin die aktive Teilnahme am Freiburger Literaturgespräch gesichert. Ein Schulterschluss auf Augenhöhe.
Aus einem Freiburger Selbstorganisierungsprojekt ist in zwei Jahrzehnten eine aus dem Kulturleben der Stadt nicht mehr wegzudenkende Größe geworden. Angesichts der mehr als bescheidenen Mittel: Chapeau! Was jetzt noch fehlt, ist ein Literaturhaus. Ein richtiges. Nichts logischer als das. Und nichts scheint mehr unmöglich zu sein.
Bettina Schulte

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