Konkrete Geburtstage
Der Alte Wiehrebahnhof Freiburg und ZKM Karlsruhe feiern am 17. Januar "Art’s Birthday"
Allein die Tatsache, dass der Tag seit über 40 Jahren feierlich begangen wird, gibt ihm Recht. Am 17. Januar 1963, an seinem eigenen Geburtstag, verkündete der Fluxus-Künstler Robert Filliou, dass genau vor einer Million Jahren die Kunst in die Welt kam, als jemand einen trockenen Schwamm in ein Gefäß voller Wasser fallen ließ. Seitdem wird "Art’s Birthday" gefeiert, auch noch nach Fillious Tod 1987 weltweit mithilfe unterschiedlicher Medien.
Seit vier Jahren gestaltet auch die Ars Acustica Group der European Broadcast Union (EBU) die Feierlichkeiten mit, SWR 2 organisiert im Medientheater des ZKM in Karlsruhe ein vierstündiges Live-Konzert. Die HörBar, die Hörspiel-Reihe des SWR2 und des Freiburger Literaturbüros, präsentiert ein zweistündiges eigenes Programm, mit Christian Calons "The Ulysses Project" und elektronischer Live-Musik, bevor sie am Radio-Geschehen teilnimmt.
Zwar wäre ohne diesen Tag wohl nicht die Kunst vergessen, womöglich aber Robert Filliou, der nun mindestens einmal pro Jahr erwähnt wird als eben der Erfinder des "Art’s Birthday" . Er prägte auch den schönen Satz: "Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst" . Als Fluxus-Künstler kämpfte das "Genie ohne Talent" (Buchtitel) gegen "diese bodenlose Dummheit, Traurigkeit und Bosheit" . Fluxus war mehr eine Geisteshaltung als ein bestimmter Stil, ihre Protagonisten — John Cage und Joseph Beuys gehörten dazu — versuchten festgefahrenes Denken zu unterlaufen mit Aktionen auch musikalischer Natur. Eine Parodie des damals herrschenden Kunst-Betriebes wurde nicht ausgeschlossen. In ähnlicher Weise kehrte die musique concrète dem traditionellen Musikverständnis den Rücken, um Geräusche und Klänge der Umwelt zu sammeln und die in organisch strukturierte Musik zu formen.
Umherirren in
Klanglandschaften
Just zu ihrem 50. Geburtstag schrieb der franko-kanadische Komponist Christian Calon eine Art Hommage an die Schöpfer der musique concrète. "The Ulysses Project" heißt dieses Hörstück, das einen modernen Odysseus auf die Reise schickt: Ein Emigrant, der in den 50er Jahren von der alten in die neue Welt ausgewandert ist. Und in Klanglandschaften umherirrt und wandert, dabei den Sinn der Welt suchend — umgeben von Verkehrslärm,Surren, Sprach- und Musikfetzen. Ins Kleinste zerlegte Klangsplitter fordern die Vorstellungskraft heraus, während Tochter Penelope, verkörpert von der Stimmakrobatin Shelley Hirsch, auf den verwischten Spuren des Gesanges wandelt.
Mittlerweile ist das Stück zehn Jahre alt, die Konkrete Musik feiert also dieses Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum: Noch so ein denkwürdiger Geburtstag an diesem Abend. Neben Calons Hörstück gibt es in der HörBar aber auch Live-Musik, elektroakustische Soundscapes der Freiburger Laptop-Musiker Freudenberger/Hoenig/Wegner, bevor sich der Alte Wiehrebahnhof von 22 Uhr an in die Geburtstagsfeier des ZKM einklinkt.
Dort intoniert Jaap Blonk unter dem Motto "Forever Young" seine Lautpoesie und lässt Markus Popp alias Oval Computersounds bluesig abstürzen.
Joachim Schneider
— HörBar: "Art’s Birthday" . 17. Januar 20 Uhr. Freiburg, Alter Wiehrebahnhof.
— Livestream des Konzerts im ZKM: www.swr2.de (20.05 bis 0 Uhr )
— Radio SWR2 ab 22.05 Uhr

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