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Badiche Zeitung vom Freitag, 14. Dezember 2007

Eine Großstadt erzählt sich selbst

Mit einer Filmvorführung und einem Vortrag endete das Freiburger "Alfred-Döblin-Jahr"


Überflüssig empfand Alfred Döblin sich im Nachkriegsdeutschland, kehrte aber krankheitshalber immer wieder zurück. Am 26. Juni 1957 ist er im Klinikum Emmendingen gestorben. Zum Döblin-Jahr 2007 organisierte die Freiburger Literaturwissenschaftlerin Sabina Becker an seinem Sterbeort ein internationales Symposion, ferner wurde ein Platz im Freiburger Vaubanviertel nach ihm benannt. Jetzt sprach Becker gleich zweimal über Döblins Epochenroman "Berlin Alexanderplatz" — an der Universität und im Haus für Film und Literatur, wo das Literaturbüro Freiburg das Gedenkjahr mit einer "Döblin-Nacht" ausklingen ließ.

 

Nach dem Vortrag entführte die erste Verfilmung des Romans mit Starschauspieler Heinrich George ins Berlin der frühen dreißiger Jahre. Ein Kunstwerk zweifellos, mit sozialkritischem Impetus, aber, so fand Sabina Becker, der Essenz des Romans werde der Film nicht gerecht. Nicht Berlin als "Mutterboden" von Döblins Schriftstellerexistenz stellte Regisseur Phil Jutzi in den Vordergrund, sondern die anrührende Geschichte des vom Leben gebeutelten Transportarbeiters Franz Biberkopf.

 

Was aber die Modernität des Romans ausmache, sei nicht der eingefügte antibürgerliche Entwicklungsroman, sondern die Tatsache, dass hier erstmals eine Stadt sich selbst erzähle: Berlin wird bei Döblin zum "Laboratorium der Moderne" . Analog zur künstlerischen Avantgarde, insbesondere der Futuristen, Dadaisten und Expressionisten montiert er die Reflexe der Großstadt: Werbetexte, Straßennamen, Lichtreklame, Zeitungsnotizen, willkürlich aufgeschnappte Gesprächsfetzen. Kein allwissender Erzähler ordnet diese Flut. Auch auf das übliche psychologische Erzählen wird verzichtet. Worum es Döblin ging, war die "urbane Poetik" , ein Schreiben das der Dynamisierung der Lebenswelt entspricht und das Döblins Antipoden Thomas Mann in puncto Modernität bei weitem übertrifft. Der Film, der einer solch kaleidoskopischen Wahrnehmung am ehesten entsprach, gab Döblin zugleich den entscheidenden Impuls: Walter Ruttmanns Berlin-Dokumentation "Symphonie einer Großstadt" (1927).

 

Wo die Priorität des Autors lag, wird schon in der Reihung der Titel deutlich: "Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf" . Der Held ist Prototyp der Massenexistenz — nur mehr eine "Sonde" im städtischen Treiben. "Ich bin ein Feind des Persönlichen" , schrieb Alfred Döblin, "es ist nichts als Schwindel und Lyrik daran." Auch das war neu. Seine Methode des "Schichtens, Wälzens, Schiebens und Häufens" hat in der deutschen Literatur bis auf wenige Ausnahmen — darunter Wolfgang Koeppen — kaum Schule gemacht. Der Film aus dem Jahr 1931, der Döblin wie das vorangegangene Hörspiel enttäuschte, bleibt bis auf wenige Sequenzen hinter den ihm eigenen Möglichkeiten zurück. Dennoch war es faszinierend, in Döblins Berlin einzutauchen, in die existenziellen Probleme, von denen man heute Lichtjahre entfernt scheint. Dass man den Klassiker in seiner Studienstadt Freiburg auch weiterhin in Ehren halte, das versprach Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach.


© 2005 beebox