Die heiße, rote Wut
Gewinner-Kurzgeschichte von Margarete Frick (Interview siehe unten) 
Frau Petersen war Lehrerin. Sie war eine, deren Feinde die Schüler waren. Und sie war eine von denen, deren Begleiter die Wut war. In verschiedenen Gestalten zwar, doch sie war immer dabei. Die Wut auf alles und jeden. Die Wut auf einen selbst. Die große, rote, heiße Wut. Manchmal war sie handzahm und passte in Frau Petersens alberne Handtasche. Das war meist dann, wenn sie die Wut auf ihre Schüler losgelassen hatte. Mit unangekündigten Tests. Sie ließ die Wut los und diese wütete bis sie satt und klein war.
Keiner mochte Frau Petersen, weder die Schüler noch die Lehrer. Sie war klein. Das war seit jeher einer der Gründe gewesen, warum sie immer eine Außenseiterin war. Sie marschierte durch das Schulgebäude und warf jedem wütende Blicke zu. Keiner machte sich lustig über sie, jeder hasste sie. Doch ihre Wut schützte sie vor dem Hass, der sonst über ihr zusammengeschlagen wäre, sie erstickt hätte. Ja, Frau Petersen war allein, sehr allein mit ihrer Wut.
An diesem Morgen, einem wolkenverhangenen, grauen Vormittag, war sie guter Laune. Die Wut war noch klein, ganz klein. Jeder, der ihr Grinsen sah, wusste, eine Klasse würde heute ihren Test zurückbekommen und das Ergebnis würde schlecht sein, sehr schlecht. Sie riss die Tür zum Lehrerzimmer auf und schmetterte sie hinter sich zu. Die anwesenden Kollegen sahen nur kurz auf. Sie kannten diese jähzornige Person und wussten, dass es besser war, ihr aus dem Weg zu gehen. Frau Petersen drängte sich rüde zu ihrem Platz durch. Nebenbei fauchte sie ein junges neu dazugekommenes Lehrerehepaar an: "Hört auf, euch in die Köpfe zu beißen, das ist ja widerlich!" Betreten sah die junge Frau zu Boden. Ihr Mann musterte Frau Petersen erstaunt. Nach einer Weile blickte auch er zu Boden. Seine Frau nahm tröstend seine Hand. Und Frau Petersen ging zufrieden weiter zu ihrem Platz. Sie dachte an ihre Jugend. An Bert. Falscher Gedanke. Ihre Eingeweide zogen sich zusammen. Wut, Wut, Wut auf diese Gedanken, auf Bert. Doch Gedanken lassen sich nicht abstellen. Sie zeigen Bilder, Bilder aus der längst verdrängten Vergangenheit. Mühsam zwang sie sich dazu in die Gegenwart zurückzukehren. Unwirsch knallte sie ihre Tasche auf den Tisch. Und spürte Blicke. Sie sah auf und blickte in die erstaunten Augen einer Kollegin. Frau Petersen merkte wie ihre Fassade bröckelte. Doch sie fing sich rasch. Wo war die Wut, ihr treuer Begleiter? Sie hüllte sich in einen Mantel, einen Schutzmantel aus Wut.
Es klingelte. Sie verließ das Lehrerzimmer. Freudige Erwartung erfüllte sie. Die Klasse, die sie jetzt hatte, würde ihren Test zurückbekommen. "Setzen" , fauchte sie und schmiss die Tasche auf den Tisch, "ihr bekommt die Tests zurück." Sie machte eine Pause, voller dunkler Vorfreude auf die entsetzten Gesichter. Sie ließ ihren Blick die Reihen entlang wandern. Innerlich rieb sie sich die Hände. In den Blicken der Schüler stand Angst, Wut und Hass. Ach, wie sehr sie diese Mischung liebte!
In der dritten Reihe hielten zwei Mädchen Händchen. Das hatte sie früher auch gemacht, mit ihrer Freundin Maria. Naja, es war lange her. Wütend verdrängte sie den Gedanken. "Lasst euch los!" Erschrocken senkten die beiden den Blick. "Die Tests sind wie erwartet schlecht ausgefallen." Dramatische Pause, "sehr schlecht!" Theaterspielen, das hatte sie schon immer gut gekonnt. Nur der Direktor der Schauspielschule war anderer Meinung. Dieser aufgeblasene Giftzwerg. Obwohl es schon Jahre her war, sah sie sein Gesicht deutlich vor sich. "Ich bedauere Frau Petersen, Sie schauspielern ganz gut, aber da wir viele Anfragen haben, können wir nicht die komplette Mittelklasse aufnehmen! Verstehen Sie?!"
Was war heute nur los mit ihr? Die ganze Zeit schweifte sie ab, "Frau Petersen, die Tests." Eine der Schülerinnen hatte gesprochen. Dumme Göre. Ihre Wut ballte sich zusammen. Wut auf diesen Giftzwerg von Schauspieldirektor, Wut auf die Schülerin, Wut auf die Welt. In ihrem Innern war ein Knoten. Er war groß, zu groß. Er drückte ihr die Luft ab. Sie rang nach Atem. Die Wut steigerte sich, macht sie rasend. Und dann entlud sie sich, mit einem Aufschrei begann Frau Petersen zu schimpfen. Sie beschimpfte die Schüler, die ganze Welt, die Gedanken, die sich seit dem Vormittag immer wieder in ihren Kopf schlichen.
Sie klatschte den Kindern die Blätter auf den Tisch. Der Anblick der enttäuschten Gesichter munterte sie auf. Doch als sie die Schule verließ, wusste sie, dass sie nicht mehr zurückkommen würde, denn sie wollte reisen. Weg von der Schule, wo alles sie reizte und wo alles schief lief. Sie las gerade ein ganz tolles Buch, sie hatte nicht lange überlegt, sie wollte nach Lissabon fahren. Mit dem Zug.
Im Bahnhof war es übervoll und lärmig. In der Hand hielt Frau Petersen einen kleinen Reisekoffer, auf dem Kopf saß ein lächerlicher Reisehut. Und ihre Wut, ihre Wut nahm sie mit. In der kleinen Handtasche, in der auch das Zugticket war. Eine Lautsprecherstimme verkündete etwas und Frau Petersen lauschte angestrengt, denn vielleicht betraf es ihren Zug:
"Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich bitte zu entschuldigen, dass heute kein Zug mehr fahren wird. Die Lokführer haben ihre Arbeit niedergelegt!"
Gewinnergeschichte des Jugendschreibwettbewerbs, Literaturbüro Freiburg

"Die Idee kam mir dann beim Zeitunglesen"
BZ-Interview mit der Siegerin des Kurzgeschichtenwettbewerbs des Literaturbüros Freiburg, Margarete Frick (15) 
Mehr als 200 Kurzgeschichten flatterten dieses Jahr ins Haus, als das Literaturbüro Freiburg Jugendliche aus Südbaden aufforderte, an einem Kurzgeschichtenwettbewerb teilzunehmen. Fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Vielleicht lag es am tollen Thema: Die Jugendlichen sollten über Wut schreiben. BZ-Redakteurin Bianca Fritz sprach mit der 15-jährigen Siegerin aus Freiburg.
BZ: Margarete, was machst du, wenn du richtig wütend bist?
Margarete: Wenn es geht, rede ich mit Freunden darüber, das hilft. Aber wenn nicht, dann zerreisse ich einfach Papier oder schlage in mein Kopfkissen.
BZ: Und was macht dich so wütend?
Margarete: Manchmal bin ich wütend auf mich selbst, wenn ich zum Beispiel eine Arbeit verhauen habe, obwohl ich die Antworten besser hätte beantworten können. Oder ich bin sauer, wenn Lehrer so richtig unfair sind.
BZ: So wie die Lehrerin in deiner Geschichte? Kennst du eine so furchtbare Person?
Margarete: Nein. Aber ich habe schon das Gefühl, dass Lehrer ziemlich oft sauer sind und man weiß nicht genau, warum. Das hab ich dann wohl verarbeitet und zugespitzt.
BZ: Ist das deine erste Kurzgeschichte?
Margarete: Nein, ich schreibe zwar nicht sehr oft, aber bei diesem Wettbewerb habe ich mich vor zwei Jahren schon einmal beworben und den fünften Platz gemacht.
BZ: Und dieses Jahr gewonnen — herzlichen Glückwunsch!
Margarete: Vielen Dank. Als bei der Preisverleihung meine Geschichte zunächst nicht vorgelesen wurde, dachte ich "o.k., dann hab ich wohl nichts gewonnen" . Nachher war die Freude umso größer.
BZ: Möchtest du deine schreiberischen Fähigkeiten jetzt weiter ausbauen?
Margarete: Ja, ich würde sehr gerne einen Schreibworkshop besuchen oder so etwas Ähnliches. Aber mit der Schule ist es eben immer so stressig. Autorin zu werden, wäre toll.
BZ: Hast du auch Vorbilder? Wessen Bücher liest du besonders gerne?
Margarete: Die Romane von Cornelia Funke, weil sie so wunderschön beschreiben kann. Und die Bücher von Ken Follet. Auch, weil er gut schreibt, aber auch, weil mich die Themen interessieren. Zweiter Weltkrieg und so. Ich finde geschichtliche Bücher spannend, weil sie einem zeigen können, wie es früher einmal war.
BZ: Was ist dir bei einer Geschichte sonst noch wichtig?
Margarete: Ich finde es gut, wenn die Personen am Anfang nicht so genau beschrieben werden. Wenn man erst nach und nach etwas über sie herausfindet.
BZ: Deine Geschichte hat ja sogar einen ganz aktuellen Schluss. Wie bist du darauf gekommen?
Margarete: Ich hatte zuerst einen anderen Schluss und der hat mir nicht so recht gefallen. Irgendwie wollte ich etwas Überraschendes und vielleicht auch ein wenig Lustiges. Und die Idee kam mir dann beim Zeitunglesen. 
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