Ganz sicher kein Vorabendprogramm
In der Schreibwerkstatt "Dramaqueen" haben sich Jugendliche gestern auf die schwierige Suche nach der gelungenen Pointe gemacht
Von unserer Mitarbeiterin Anja Bochtler 
Ein Nazi-Opa verbündet sich mit dem Enkel gegen den pazifistischen Sohn, ein aufgegessener Kuchen drängt eine Schwangerschaft in den Hintergrund und im "Cafe Schicksal" trifft eine 73-Jährige ihre Jugendliebe wieder: Was sich 13 Jugendliche gestern bei der Schreibwerkstatt "Dramaqueen" der Jugendliteraturtage im Werkraum des Theaters haben einfallen lassen, hat Pfiff. Im Frühling sollen ihre Dramen auf die Bühnen kommen — gespielt vom Jugendclub des Theaters.
Fast alle waren dran. Jetzt kommt Annika Reinke (17), ganz am Schluss. Sie zögert. Die Dramen der anderen waren gut: "Da kommt mir meines vor wie eine schlechte Szene aus dem Vorabend-Fernsehprogramm." Dann liest sie vor, was sie am Vormittag geschrieben hat, in eineinhalb Stunden — da ist alles entstanden, was den Jugendlichen eingefallen ist.
Bei Annika Reinke geht’s um die 73-jährige Frau, die sich mit einem Chatroom-Bekannten trifft und feststellt, dass hinter dem 75-Jährigen mit einer Rose der Junge aus ihrer Schule steckt, in den sie vor Jahrzehnten verliebt war — ohne dass er es wusste. Bis sich das klärt, gibt es immer wieder überraschende Wendungen, das kommt gut an: Bei den anderen Jugendlichen genauso wie bei Stefanie Stegmann vom Literaturbüro, dem früheren Deutschlehrer Bernd-Jürgen Thiele und dem Theaterpädagogen Michael Kaiser. Da sind sich schnell alle einig: Mit einer Vorabendserie hat das nicht viel zu tun, abgesehen von den schier unglaublichen Zufällen vielleicht. Aber auch bei denen ist entscheidend, was man daraus macht, sagt Michael Kaiser.
Dabei gelten für Dramen andere Regeln als für Prosa und Lyrik, die den meisten Jugendlichen vertrauter sind — ungefähr die Hälfte schreibt regelmäßig, manche haben, wie Annika Reinke, schon an Schreibwettbewerben teilgenommen. Auch für die Macher der Schreibwerkstatt rund ums Literaturbüro, die regelmäßig Workshops für Schüler anbieten, war diese Dramen-Werkstatt die erste.
Sie achten darauf, dass genug Pointen da sind, die für die Bühne wichtig sind: Das klappt wunderbar bei Michelle Michaux (15) und ihrem Beziehungsdrama, in dem die Frau sicher ist, dass ihr Freund sie betrogen hat — während sein schlechtes Gewissen von dem aufgegessenen Kuchen kommt, der für ihre Eltern bestimmt war. Völlig an den Rand gedrängt wird in dem Hin und Her die eigentliche Neuigkeit der Frau, ihre Schwangerschaft. Unerwartet geht’s auch bei Benjamin Reich (16) zu, der eine "Peer Gynt" -Szene umwandelt. Und die Idee von Lukas Mendoza, Max Keller und Melanie Gabriel finden alle spannend: Der Enkel eines Nazi-Opas meldet sich zum Kriegsdienst, der pazifistische Vater ist entsetzt. Der Haken: Die Handlung ist zu vorhersehbar, kritisieren die Zuhörer. Es muss Unerwartetes rein, doch das kann noch kommen. Im Frühling wollen Jugendliche des Jugendclubs die Dramen-Szenen ihrer schreibenden Kollegen aufführen.

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