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Badische Zeitung vom Mittwoch, 14. November 2007

Hermanns unverbesserliche Gattin

Hörspiel des Jahres und Hörspielpreis der ARD: "Enigma Emmy Göring" in der HörBar Freiburg


Lorbeeren hat es nun genug gegeben. Werner Fritschs Hörspiel "Enigma Emmy Göring" ist von der Akademie der Darstellenden Künste in Darmstadt 2006 zum "Hörspiel des Jahres " gekürt worden. Bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe hat die vom SWR unter der Dramaturgie von Hans-Burkhard Schlichting verantwortete Produktion am vergangenen Wochenende noch den von einer prominenten Jury unter dem Vorsitz der ehemaligen Kulturstaatsministerin Christina Weiss vergebenen ARD-Hörspielpreis eingeheimst.

 

So viel Lob und so viel Einigkeit sind selten. Da muss ja etwas dran sein. Und so ist es auch: Mit "Enigma Emmy Göring" liefert der auf einem Einödhof in der Oberpfalz aufgewachsene Schriftsteller Werner Fritsch, der bereits 1993 den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhalten hat, einen überragenden Beitrag zur akustischen Kunst, die weit mehr ist als die Adaption literarischer Texte oder die radiophone Krimi-Inszenierung. Im Mittelpunkt des Hör-Ereignisses steht Emmy Göring, Irm Hermann die Ehefrau von Hitlers operettenhaftem Reichsmarschall und Oberwaidmann. Während die alte Dame, unbelehrbar bis zum Tod, auf den Zahnarzt wartet — man schreibt Anfang der 70er Jahre und im Hintergrund brandet kurz ein Gitarrenjaulen von Jimi Hendrix auf — , deliriert und tiriliert sie über die guten alten braunen Zeiten, als sie den stattlichsten aller Nazi-Männer abbekam und mit Gustaf Gründgens als Fausts Gretchen mit blonden Zöpfen auf der Bühne stand.

 

Es ist eine unsägliche Mischung aus Kitsch, Verlogenheit, Dummheit und Arroganz, die Fritsch zu einem fiktiven giftig-klebrigen Cocktail gemixt hat, in dem braune Schokoladenhasen und öster liches Eiersuchen in Görings "Residenz" Carinhall eine unerträgliche Allianz mit unreflektiertem Nachbeten der NS-Ideologie eingehen. Die ehemalige Schauspielerin und "Erste Frau im Reich" inszeniert sich in diesem "Satyrspiel" nach allen Regeln der Unterhaltungsindustrie des Dritten Reichs als Diva und Dummchen, unterwürfige "Hermann" -Gattin und bedingungslose Hitler-Verehrerin. Das ist hoch grotesk und zutiefst abgründig — und wer könnte dieser schillernden Figur besser zur schrecklich-schönen stimmlichen Präsenz verhelfen verhelfen als die frühere Fassbinder-Heroine Irm Hermann? Mit ungebrochener Kraft und phänomenalem Wandlungsvermögen macht die Schauspielerin den in seiner Harmlosigkeit monströsen Monolog einer Unverbesserlichen zum künstlerischen Ereignis.

 

Dabei ist nichts weniger intendiert als eine Annäherung an die historische Figur, die als Hanseatin einen gänzlich anderen Zungenschlag hatte als die Bayerin Irm Hermann. Aber gerade dass Fritschs Hörstück nicht dokumentarisch sein will, hebt es weit über missglückte Nazi-Imitationen wie Bruno Ganz’ peinliche Hitler-Darstellung in "Der Untergang " hinaus — und geht ganz anders unter die Haut als Guido Knopps serienmäßige Abfertigung der Zeitgeschichte.

Bettina Schulte

 

— Sendetermin: Heute 23 Uhr WDR 3.

— Am 15. November um 20 Uhr ist "Enigma Emmy Göring" in der HörBar im Wiehrebahnhof Freiburg zu hören.

 


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