Schreibend unterwegs
Eine Diskussion über "Nomaden der Schrift" beendete das 21. Freiburger Literaturgespräch 
Ein paradoxes Thema. "Nomaden der Schrift" — unter diesem Motto stand die von Literaturbüro, Kulturamt und SWR organisierte Abschlussdiskussion des 21. Freiburger Literaturgesprächs. Sind doch Nomaden der Inbegriff von Beweglichkeit, Vorübergehen, mündlichen Erzähltraditionen. Doch führen viele Autoren als Lesereisende, Rechercheure oder Stadtschreiber heute ein nomadenähnliches Leben. Dass dieses schreibende Unterwegssein sie auf sehr unterschiedliche Weise inspiriert, wurde beim Gespräch zwischen Antje Rávic Strubel, Peter Kur zek und Ilja Trojanow — moderiert von Julia Schröder, Literaturredakteurin der Stuttgarter Zeitung — immer wieder aufs Neue offenkundig. Weil die drei Autoren nicht nur anschaulich Einblick in ihre Schreibstuben gewährten, sondern wohltuend entspannt die Gegensätze in ihren Erfahrungen und ihrer Praxis hervortreten ließen. Gegensätze beim Erleben von Heimat und Fremde, mündlichem und schriftlichem Erzählen, Muttersprache und fremden Idiomen. So bekannte Peter Kurzek ("Oktober und wer wir selbst sind" ), 1943 in Böhmen geboren und als Flüchtling in Hessen aufgewachsen, dass er schon immer gern in Ländern gelebt und gearbeitet habe, deren Sprache er nicht beherrscht. Seit Jahren schreibt er im südfranzösischen Uzès, ohne Französisch zu können oder auch nur lernen zu wollen. "Diese Fremdheit erzeugt einen speziellen Blick, der meinem Schreiben zugute kommt."
Die Welt mehrsprachig erleben
Unvorstellbar ist diese gewollte sprachliche Isolation für den literarischen "Weltensammler" (so der Titel seines erfolg reichsten Romans) Ilija Trojanow, der, 1965 in Sofia geboren, als Flüchtling viersprachig großgeworden ist und zwar Deutsch schreibt, die Welt aber mehrsprachig erlebt. Ebenso erstaunt reagierte die 1974 in Potsdam geborene Antje Rávic Strubel ("Kältere Schichten der Luft" ). Für sie ist der Eintritt in eine neue Sprache sogar wichtiger als der geographische Wechsel. "Wenn ich mich in einer fremden Sprache bewege, verändert sich mein Verhältnis zur eigenen. Aus dieser Erfahrung schöpfe ich unmittelbar."
Wenn auch für jeden Schriftsteller auf eine ihm eigene Art, bedeutet Schreiben grundsätzlich immer Aufbruch in eine neue Welt; jene, die erschaffen sein will. Dass Autoren Nomaden sind — auch wenn sie Bibliotheken als Resonanzräume brauchen und meist ihren Schreibplatz — , erschien im Gespräch als eine zwar anstrengende, aber reizvolle Existenzform. "Schließlich bedeutet jede Bereicherung per se eine große Anstrengung" , resümierte Trojanow in seiner unbefangenen Vorliebe für Sentenzen, die ihn gelegentlich wie einen Boten aus der fernen Erzählwelt von Scheherazade erscheinen ließ. Ob Trojanow nach Bombay, Peter Kurzek nach Staufenberg oder Antje Rávic Strubel an einen schwedischen See — Lust, den Nomaden der Schrift lesend zu folgen, hatte man nach dieser Diskussion auf jeden Fall. Da kam der stürmische Regentag gerade recht.
Gabriele Michel

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