unterstützt von
Jos Fritz Bücher, Freiburg
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom Freitag, 12. Oktober 2007

Von Franz Kafkas bösen Labyrinthen

Ein Vortrag in Freiburg beschreibt den Schriftsteller als Architekturkenner, der die "Mutter aller Künste" bewusst in seinem Werk einsetzte


Als kristallin-kubistische Stele präsentiert sich Franz Kafkas Grabstein auf dem Friedhof Olsany. Vielfältig sind die Affinitäten des Dichters zu diesem Stil. Nicht nur, dass seine Heimatstadt Prag zwischen 1913 und 1924 Hauptort der kubistischen Architektur war, die neuen Bauten dürften auch entscheidende Inspirationsquelle für seine neue Erzählkunst sein. Das jedenfalls meint Detlev Schöttker, Literaturwissenschaftler an der Technischen Hochschule Dresden, der dem Thema Literatur und Architektur jüngst ein Symposion gewidmet hat.

 

Im Rahmen der zweiten französisch-deutschen Literaturtage unter dem Motto "Architektur(en) lesen" trug der Kafka-Forscher seine Thesen auf Einladung des Literaturbüros Freiburg im gut besuchen Haus für Film und Literatur "Alter Wiehrebahnhof" vor — assistiert vom Freiburger Autor Martin Gülich, der sonor entsprechende Textpassagen vorlas. Kaum ein anderer Schriftsteller der Gegenwart hat sich so intensiv mit Architektur beschäftigt: "Das Schloss" , "Beim Bau der chinesischen Mauer" , "Der Bau" — schon die Titel bezeugen spezifisches Interesse.

 

In seinen Tagebüchern und Briefen nimmt Kafka auf Otto Wagners provokante Wiener Postsparkasse und die Streitschrift "Ornament und Verbrechen" von Adolf Loos Bezug. Auf seinen Reisen hat er immer wieder Architekturzeichnungen gefertigt, und seine Arbeit als Versicherungsjurist brachte ihn in Berührung mit zeitgenössischen Fabrikbauten. "Warum ist alles so schlecht gebaut, dass bisweilen hohe Häuser einstürzen" , klagt der Protagonist in der Kurzprosa "Gespräch mit dem Beter" , und in der Erzählung "Beim Bau der chinesischen Mauer" von 1917 persifliert er Vitruvs Emphase von der Architektur als "Mütter aller Künste" . Die berauschende Architektur der "goldenen Stadt" kommt bei Kafka gar nicht vor, einzig in seiner ersten Erzählung "Beschreibung eines Kampfes" gibt er eine knappe Topographie.

 

Kafkas phantastische Architekturen sind Ausdruck einer amorphen Bedrohung: Labyrinthe als Rückzugsorte, Refugien des Ungewissen, Orte einer anonymen Bedrohung.

 

Die Foltergewölbe und Kavernen eines Giovanni Piranesi drängen sich in den Sinn, doch geht es Schöttker vor allem um die Rolle der kubistischen Polyperspektive, die Kafka in Sprache überführe, ohne seine architektonischen Quellen je aufzudecken. Eine umfassende "Poetik des Raums" vermisst der Literaturwissenschaftler.

 

Ob es daran liegt, dass Architektur theoretiker meist eher keine Literaturliebhaber sind? Synapsen zwischen den beiden Terrains sind bislang jedenfalls selten. Umso gespannter ist man auf weitere Veranstaltungen zur "Sprache der Architektur" .


© 2005 beebox