Die Schutzlose
Evelyn Grills früher Roman "Wilma" ist neu aufgelegt worden 
Evelyn Grills Geschichten sind nichts für
schwache Gemüter. Den literarischen
Schongang kennen sie nicht.Der Tod – sei
er auf natürlichem oder unnatürlichem
Weg herbeigeführt – ist der seit vielen
Jahren in Freiburg lebenden österreichischen
Autorin ein lieber Vertrauter. Ihre
letzten Romane „Vanitas oder Hofstätters
Begierden“ und „Der Sammler“ zelebrieren
– in satirisch böser Absicht – geradezu
die Lust an Verfall und Verwesung. Auch
einen Kriminalroman mit dem Tatort Museum
(„Schöne Künste“) hat Grill unlängst
veröffentlicht. Die Schnittstellen
zwischen Gewalt und Kunst hatten es ihr
schon in „Vanitas“ angetan.
In einem ganz anderen Milieu ist Evelyn
Grills 1994 erstmals veröffentlichter
Roman „Wilma“ angesiedelt – der zweite
längere Prosatext der gelernten Juristin,
die spät aufs Schreiben verfiel. Jetzt hat
der Salzburger Residenz Verlag, zu dem
die Schriftstellerin vor drei Jahren von
Suhrkamp – der sie unverständlicherweise
nicht in sein Hardcover-Programm aufgenommen
hatte – gewechselt ist, den
seit langem vergriffenen Text wieder aufgelegt.
Es ist eine Dorfgeschichte; aber
wer die Autorin kennt, wird sich nicht
wundern, dass in diesem abgeschiedenen
kleinen Ort im Salzkammergut nicht
eben das Idyll zu Hause ist.
Umstandslos wird man in den ersten
beiden kurzen Kapiteln mit den beiden
Protagonistinnen bekannt gemacht: Wilma
tritt alsmassiger nackter Körper in Erscheinung,
den mehrere Schichten von
Kleidung schützend umhüllen.Wilma hat
nichts als diesen Körper, der seine größte
Befriedigung darin findet zu essen. Denn
Wilma ist behindert, nie hat einWort ihre
Lippen verlassen. Ihr Körper wird später
brutal geschändet werden; gleich zweimal,
wie es scheint, auch wenn es der
Text imzweiten Fall bei Andeutungen belässt.
Wilma lebt bei Agnes, auch diese ist im
Dorf eine Außenseiterin, die niemals so
viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie
nach dem Unfalltod ihres Mannes. Die
Witwe hat das Mädchen, das die meisten
im Dorf für eine monströse Missgeburt
halten, aufgenommen – und liebt es auf
ihre Weise wie ein eigenes Kind. Nachts
sucht Agnes, die als Tellerwäscherin in einem
Hotel ein karges Geld verdient, die
körperliche Nähe zu Wilma; sehr sanft
und behutsamwird das geschildert.
Im krassen Gegensatz dazu steht die
dörfliche Außenwelt, die Wilma quält
und hetzt wie ein geschundenes Tier.
Dass es zur Katastrophe kommen muss,
ist, man spürt es, nur eine Frage der Zeit:
Der Bäcker, Lötsch heißt er, fällt über Wilma
her und vergewaltigt sie, worauf sie
für eine Nacht in die Obhut des Totengräbers
und Holzschnitzers Kilian gerät, dessen
Absichten sich offenbar auch nicht
auf das hehre künstlerische Interesse beschränken.
Die Folgen sind die schlimmsten:
Erhängung des Täters, Schwangerschaft
des Opfers, Kinds- undMuttertod.
Wie gesagt: Evelyn Grill kennt keine
Gnade. Das alles ist sehr lakonisch im Anteil
nehmenden Präsens erzählt, kommentarlos,
ohne Wertung. Beim wiederholten
Lesen erschließen sich die dichten
kompositorischen Bezüge. Ein kleines
starkes Stück Literatur, ohne Trost und
ohne Hoffnung. Bettina Schulte
– Evelyn Grill: Wilma. Roman. Residenz
Verlag, Salzburg 2007. 137 Seiten, 17,90
Euro.
– Am 23. 9., 11 Uhr, liest die Autorin mit
Hans Hoischen im Haus für Literatur und
Film, Freiburg, Urachstraße 40.
Spezialistin für Außenseiter und Todesfälle: die Freiburger Autorin Evelyn Grill F O T O : U K A S B E C K 
|