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Badische Zeitung vom Freitag, 21. September 2007

Die Schutzlose

Evelyn Grills früher Roman "Wilma" ist neu aufgelegt worden


Evelyn Grills Geschichten sind nichts für

schwache Gemüter. Den literarischen

Schongang kennen sie nicht.Der Tod – sei

er auf natürlichem oder unnatürlichem

Weg herbeigeführt – ist der seit vielen

Jahren in Freiburg lebenden österreichischen

Autorin ein lieber Vertrauter. Ihre

letzten Romane „Vanitas oder Hofstätters

Begierden“ und „Der Sammler“ zelebrieren

– in satirisch böser Absicht – geradezu

die Lust an Verfall und Verwesung. Auch

einen Kriminalroman mit dem Tatort Museum

(„Schöne Künste“) hat Grill unlängst

veröffentlicht. Die Schnittstellen

zwischen Gewalt und Kunst hatten es ihr

schon in „Vanitas“ angetan.

In einem ganz anderen Milieu ist Evelyn

Grills 1994 erstmals veröffentlichter

Roman „Wilma“ angesiedelt – der zweite

längere Prosatext der gelernten Juristin,

die spät aufs Schreiben verfiel. Jetzt hat

der Salzburger Residenz Verlag, zu dem

die Schriftstellerin vor drei Jahren von

Suhrkamp – der sie unverständlicherweise

nicht in sein Hardcover-Programm aufgenommen

hatte – gewechselt ist, den

seit langem vergriffenen Text wieder aufgelegt.

Es ist eine Dorfgeschichte; aber

wer die Autorin kennt, wird sich nicht

wundern, dass in diesem abgeschiedenen

kleinen Ort im Salzkammergut nicht

eben das Idyll zu Hause ist.

Umstandslos wird man in den ersten

beiden kurzen Kapiteln mit den beiden

Protagonistinnen bekannt gemacht: Wilma

tritt alsmassiger nackter Körper in Erscheinung,

den mehrere Schichten von

Kleidung schützend umhüllen.Wilma hat

nichts als diesen Körper, der seine größte

Befriedigung darin findet zu essen. Denn

Wilma ist behindert, nie hat einWort ihre

Lippen verlassen. Ihr Körper wird später

brutal geschändet werden; gleich zweimal,

wie es scheint, auch wenn es der

Text imzweiten Fall bei Andeutungen belässt.

Wilma lebt bei Agnes, auch diese ist im

Dorf eine Außenseiterin, die niemals so

viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie

nach dem Unfalltod ihres Mannes. Die

Witwe hat das Mädchen, das die meisten

im Dorf für eine monströse Missgeburt

halten, aufgenommen – und liebt es auf

ihre Weise wie ein eigenes Kind. Nachts

sucht Agnes, die als Tellerwäscherin in einem

Hotel ein karges Geld verdient, die

körperliche Nähe zu Wilma; sehr sanft

und behutsamwird das geschildert.

Im krassen Gegensatz dazu steht die

dörfliche Außenwelt, die Wilma quält

und hetzt wie ein geschundenes Tier.

Dass es zur Katastrophe kommen muss,

ist, man spürt es, nur eine Frage der Zeit:

Der Bäcker, Lötsch heißt er, fällt über Wilma

her und vergewaltigt sie, worauf sie

für eine Nacht in die Obhut des Totengräbers

und Holzschnitzers Kilian gerät, dessen

Absichten sich offenbar auch nicht

auf das hehre künstlerische Interesse beschränken.

Die Folgen sind die schlimmsten:

Erhängung des Täters, Schwangerschaft

des Opfers, Kinds- undMuttertod.

Wie gesagt: Evelyn Grill kennt keine

Gnade. Das alles ist sehr lakonisch im Anteil

nehmenden Präsens erzählt, kommentarlos,

ohne Wertung. Beim wiederholten

Lesen erschließen sich die dichten

kompositorischen Bezüge. Ein kleines

starkes Stück Literatur, ohne Trost und

ohne Hoffnung. Bettina Schulte

– Evelyn Grill: Wilma. Roman. Residenz

Verlag, Salzburg 2007. 137 Seiten, 17,90

Euro.

– Am 23. 9., 11 Uhr, liest die Autorin mit

Hans Hoischen im Haus für Literatur und

Film, Freiburg, Urachstraße 40.

Spezialistin für Außenseiter und Todesfälle: die Freiburger Autorin Evelyn Grill F O T O : U K A S B E C K


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