Des Komponisten Widderhorn
Das Freiburger Experimentalstudio belebt mit drei Uraufführungen seine Werkstattkonzerte neu 
Ein Werkstattkonzert des Freiburger "Experimentalstudios für akustische Kunst" sprengt den üblichen Veranstaltungsrahmen: Der Entstehungsprozess dort konzipierter Kompositionen ist eng mit dem Studio und seinen elektronischen Möglichkeiten verknüpft. Dem Konzertbesucher wird Musik präsentiert, die so nur an diesem Ort entstehen konnte und kann.
Umso erfreulicher, dass das Experimentalstudio diese Tradition wieder aufleben lässt. Im voll besetzten Heinrich-Strobel-Saal des SWR-Studios waren jetzt unter der Klangregie von Reinhold Braig und Thomas Hummel drei Uraufführungen zu hören. Das Konzert fand statt in Zusammenarbeit mit der "SWR 2 HörBAR" , der Hörspielreihe, die vom Freiburger Literaturbüro mitgestaltet wird.
Der kryptische Titel "# [unassigned]" bezeichnet eine Komposition des Briten James Saunders, besser gesagt eine flexible Konstruktion. Sie besteht aus einem Fundus von Modulen, die immer wieder erweitert und neu zusammengesetzt werden. Eine Version trägt dann als Namen das Datum der jeweiligen Aufführung, am Sonntag war es: "#010707" .
Das Stück beginnt unspektakulär: Nah an der Stille schichten sich gleich transparentem Papier summende und verrauschte Töne übereinander, ein Brummen ergänzt gerade noch erkennbare Klangfarben von Trompete, Klarinette, Flöte, Violine, Cello, das mit Bogen bearbeitete Metall am Schlagzeug, das Fiepen von Walkie-Talkies. Nach einer Mikro-Eruption klingt es weicher, bis die Instrumentalisten des Ensembles Chronophonie verharren zu einem elektronischen Piepsen. Ein Stück, um sich in dessen Leere zu verlieren, voller Poesie und Anmut.
Für "Graffiti" arbeitete die ebenfalls aus Großbritannien stammende Komponistin Alwynne Pritchard mit dem Freiburger Schlagzeuger Christian Dierstein zusammen. Der Reiz dieses Stückes liegt zum einen in der Konfrontation von abgehackten Trommelrhythmussequenzen respektive Wirbeln mit den Klängen der Gongs und zum anderen im elektronisch verfremdeten Weiterspinnen derselben. Rhythmisierte Klangkonfusionen wandern durch den Raum. Trotzdem: Nicht mehr als eine komplexere Version des in der Pop-Musik als "Dub" bekannten Verfahrens.
Star des Abends unter den anwesenden Komponisten war der US-Amerikaner Alvin Curran, nicht nur weil er von Detlef Heusinger, dem künstlerischen Leiter des Experimentalstudios, in der Umbaupause interviewt wurde. Der End-60er ist seit mehr als vier Jahrzehnten in Avantgarde-Zirkeln erfolgreich. "Music maker" nennt er sich selbst .
Schon als Kind war der gelernte Blechbläser fasziniert vom Klang des Schofar. 1991 schuf er für den WDR ein erstes Werk mit dem aus einem Widderhorn gedrechselten Instrument. Das aktuelle "Shofa III" unterfüttert den archaischen Klang des Instrumentes, das heute noch zu jüdischen Festlichkeiten geblasen wird, mit Einspielungen aus dem Laptop: von jüdischen und arabischen Rede- und Gesangsfetzen über Wolfsgeheul bis zu Straßenlärm. Eine andächtige Aura schafft zwischendurch ein Blechbläsertrio mit getragenen, rhythmisch in Halben strukturierten Chorälen. Eine klanglich reizvolle Kombination — deren mythische Dimension etwas verloren geht, wenn man zusieht, wie Curran den Laptop bedient, um dann sein Horn zu schmettern.
Als Dreingabe folgte noch sein Hörspiel "TransDADAexpress2" , da schließt sich der Kreis in der Zusammenarbeit zwischen Experimentalstudio und der HörBAR. Die Soundcollage, eine Hommage an die Dadaisten, setzt sich aus über 500 Samples zusammen, eine Kakophonie, die der alltäglichen Reizüberflutung noch eins draufsetzt.
Joachim Schneider

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