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Badische Zeitung vom Samstag, 30. Juni 2007

Eine Sprache von behutsamer Intensität


Die Lyrikerin Rosemarie Bronikowski liest aus Anlass ihres 85. Geburtstages bei einer Matinee in Freiburg


Auf die Frage nach dem, was sie zum Schreiben drängt, zögert sie keine Sekunde: "Weil ich nicht möchte, dass die Lyrik stirbt" . Doch erst am Ende des Gesprächs enthüllt sie, was sich als roter Faden durch sieben Gedicht- und sechs Prosabände zieht, was ihr Schreiben und Leben gleichermaßen grundiert: das andauernde Staunen über die "Unglaublichkeit des Menschen" — im Guten, wie im Bösen.

 

Rosemarie Bronikowski ist die "stille Frau" in einem ihrer jüngsten Gedichte. Eine Freundin vieler Worte und großer Gesten war sie nie, doch der humane Grundimpuls — in Leben und Werk ist er unübersehbar. Die Natur bleibt ihr Lebenselexier, den Stoff für ihre Gedichte aber zieht sie aus dem Zwischenmenschlichen.

 

Noch heute, mit 85 Jahren, geht sie jede Woche einmal ins Gefängnis, in jenen Gesprächskreis mit Strafgefangenen, den sie vor drei Jahrzehnten mitbegründete. Von Benachteiligten der Gesellschaft habe sie unendlich viel gelernt, sagt die Autorin, und wie sie vor einem sitzt: zart, beinahe fragil, gewohnt bescheiden, doch mit dem wachen Blick eines Mädchens, bemerkt man, wie wenig sich Rosemarie Bronikowski in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert hat: die selbe Gelassenheit, dieselbe wache Neugier auf die Welt. Und eine Sprache, die in an behutsamer Intensität stetig zunimmt.

 

 

Eile geboten

 

Über- und überwältigt/

von Milliarden von Milchstraßen

stehst Du da und bist sterblich/

Du musst schneller reisen als Licht

um dem Fangarm der Zeit/

Schwerelos zu entkommen.

Erzähl das Adam dem Alten

Bodenwärts blickt er und ackert

Mit Werkzeug aus Stein

 

Schwer zu sagen, weshalb gerade diese Autorin den bedeutenden Preis-Jurys noch nicht ins Auge fiel. "Vielleicht liegt es daran, dass ich als Lyrikerin immer Erzählerin geblieben bin" , meint Rosemarie Bronikowski, der an Auszeichnungen nicht allzuviel liegt: "Der Erwartungsdruck hätte meinem Schreiben vielleicht geschadet" . So schreibt sie in konzentrierter Stille Buch für Buch und man will ihr, der Lyrikerin aus Passion, nicht abnehmen, wenn sie beteuert, dieses sei nun das letzte. "Wand aus Wind" , lautet der Arbeitstitel ihres nächsten Bandes — und den Juroren des Huchel-Preises sei er schon vorab ans Herz gelegt.

 

Auch jene sieben Gedichte sind darin enthalten, die Rosemarie Bronikowski in einer einzigen Nacht zu Papier brachte — nach den Eindrücken einer Israel-Reise im vergangenen Jahr. Wie sie, die als junges Mädchen Adolf Hitler bewunderte, als Älteste der Gruppe einen Kranz in Yad Vashem niederlegte — diese Bilder werden nie aufhören sie zu bewegen. Trauer, ein leiser Pessimismus und das befreiende Lachen, die Lust an der Groteske halten sich in ihren besten Gedichten die Waage. Ihnen wohnt, bei aller Lakonie, eine stille Subversion inne, eine Verschiebung des Blickwinkels, eine plötzliche Wendung ins Absurde. In dieser unaufdringlichen, aber nachhaltigen Verstörung liegt ihre Qualität.

 

Stefan Tolksdorf

 

— Bei einer Matinee anlässlich ihres 85. Geburtstags liest die Autorin am Sonntag, 11 Uhr, im Freiburger Haus für Film und Literatur im Alten Wiehrebahnhof.

 


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