unterstützt von
Jos Fritz Bücher, Freiburg
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom Freitag, 18. Mai 2007

Angenehm betäubt

 

Die japanisch-deutsche Schriftstellerin Yoko Tawada liest in Freiburg aus ihren neuen Essays "Sprachpolizei und Spielpolyglotte"



Yoko Tawada(FOTO: THOMAS KARSTEN)

Dichter sind Alchimisten. Sie versuchen, Dinge so zusammenzubringen, dass etwas Neues entsteht, ein Gefühl oder eine Idee. Manchmal geht es darum, dass ein Misthaufen wirklich nach Mist riecht. Manchmal erkennt man ihn nicht wieder. Yoko Tawada wurde 1960 in Japan geboren, seit 1982 lebt sie in Deutschland. Sie hat in Tokio und Hamburg Literaturwissenschaften studiert und schreibt seither aus einer Position der Mitte — sie selbst würde vielleicht sagen: ohne Herkunft, mit größerem Denkspielraum. Auf jeden Fall hat sie Übung mit dem Zusammenbringen. Am Sonntag stellt sie in Freiburg ihren neuen Essayband vor: "Sprachpolizei und Spielpolyglotte" .

 

Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Buchs ist Ernst Jandl gewidmet und viel kreativer ausgefallen, als der Begriff Essay vermuten ließe. Hier werden Dinge an ihren Namen und Definitionen gemessen, wird Sprache so lange wörtlich genommen, bis sie fremd wird. Wörter haben einen Magnetismus zu anderen Wörtern, sie assoziieren sich gegenseitig herbei, man kann sich kaum wehren. Aber den umgekehrten Weg kann man nehmen: Assoziation auf die Spitze treiben. "Lies nicht mehr" , sagt Paul Celan, " — schau! Schau nicht mehr — geh!" Nichts mehr entziffern wollen, selber losgehen: eine Aufforderung zu radikaler Subjektivität.

 

"Sprachpolizei und Spielpolyglotte" ist hemmungslos subjektiv. In ihren Essays denkt Tawada darüber nach, was die katholische Kirche mit Rotkäppchen gemein hat, ob Kleists Erzählung "Die Marquise von Null" heißen sollte und warum im Alphabet die Wüste bewahrt ist. In ihren Interpretationen übersetzt sie nicht nur Celans Buchstaben in Zahlen und Goethes "Wahlverwandtschaften" in Chemie, sondern trotzt noch dem Vergleich mit dem japanischen Schriftbild Bedeutung ab. Ihre eigene Belletristik beginnt, als eine Dame namens Slavia in Berlin an einer Graz bewachsenen Baustelle aus dem Texas steigt.

 

"Angenehm betäubt vom persischen Wein ließ ich die Wörter den Abhang hinunterrollen" , heißt es in der Erzählung "An der Spree" . Tawadas Essays sind zum Lautlesen geschaffen. Ihrer Spiel- und Experimentierfreude haftet nichts Schweres, Verkopftes an, das ist die größte Leistung dieser genau beobachtenden Prosa. Angenehm betäubt von den kurzen Sätzen, den einfachen Gedanken lässt man die Texte rollen. Noch die albernsten Wortspiele schaffen in ihrer Häufung vibrierende Atmosphäre, eine Süffigkeit der Stimmungen, die zu dem Erzählten nicht immer in Zusammenhang steht. In dieser Manipulierbarkeit liegt eine Erkenntnis von Tawadas Arbeit.

 

Die entschiedene Betonung der Ich-Perspektive ist konsequent bei einem Buch, das Subjektivität zur Methode macht. Trotzdem wirken die vielen Verweise auf Konferenzen, Vorträge und akademische Meriten eitel. Auch so schimmern Tawadas Kompetenzen durch. Slavias Taxifahrt ist die automobile Kurzfassung von Finnegans Wake, ganz undenkbar wäre das Kunstverständnis der Autorin ohne Walter Benjamins Begriff von Geschichte und Schrift. Unterhaltsamer, fasslicher, sinnlicher bekommt man ihn allerdings selten geboten.

 

Jens Schmitz

 

— Yoko Tawada: Sprachpolizei und Spielpolyglotte. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2007. 156 Seiten, 12 Euro .

— Am 20. Mai um 13 Uhr liest Tawada im Kinosaal des Freiburger Hauses für Film und Literatur (Urachstr. 40). Um 11 Uhr hält der Germanist Hansjörg Bay einen Vortrag über "Poetik der Migration — Travestien der ethnographischen Situation bei Yoko Tawada" .


© 2005 beebox