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Badische Zeitung vom Dienstag, 8. Mai 2007

Die Unsichtbarkeit der "glücklichen Menschen"

6. Baden-Württembergische Übersetzertage in Freiburg



Übersetzen: anspruchsvoll, doch schlecht bezahlt(FOTO: DDP)

Man müsse sich Übersetzer als glückliche Menschen vorstellen, meinte der Schriftsteller Albert Camus. Womöglich hatte er nicht einmal Unrecht. Macht doch Geld allein bekanntlich auch nicht glücklich. Ums liebe Geld indes ist ein Streit zwischen Übersetzern und Verlegern entbrannt, nachdem im Jahr 2002 die notorisch schlechte Bezahlung literarischer Übersetzer in einer Novellierung des Urheberrechts kritisiert und zu einer Änderung aufgefordert worden war. Einigen konnten sich beide Seiten bis heute nicht. Auch der Vermittlungsvorschlag eines Mediators half nicht weiter: Weder für den Übersetzerverband noch für die Verleger scheint er akzeptabel zu sein.

 

So könnte also erst einmal alles beim Alten bleiben — und das Brecht-Wort "Die im Dunkeln sieht man nicht" seine Berechtigung behalten, mit dem die Freiburger Übersetzerin Ragni Maria Gschwend, eine der Bekannteren der Zunft, die Situation der Übersetzer bei der Eröffnungsveranstaltung der 6. Baden-Württembergischen Übersetzertage in Freiburg umschrieb. Denn nicht genug damit, dass die Vergütung für die anspruchsvolle Tätigkeit derart gering ist, dass nicht wenige Übersetzer am Existenzminimum leben. Auch das Bewusstsein der Öffentlichkeit von der Bedeutung ihres Tuns ist wenig ausgeprägt. Dabei wäre "Weltliteratur" ohne die Arbeit der Übersetzer ein leerer Begriff. Und wer schon einmal eine schlechte Übertragung gelesen hat, weiß die Sorgfalt und das Sprachgefühl des guten Übersetzers zu schätzen. Nicht von ungefähr spricht man bei Lyrikübersetzungen gern von Nachdichtungen.

 

Umso wichtiger sind Veranstaltungen wie die Übersetzertage, die ins Leben gerufen wurden, nicht zuletzt um diese weitgehende Nicht(be)achtung zu durchbrechen. Erstmals trafen sich die Übersetzer 1998 in Biberach an der Riss — der Geburtsstadt Wielands, des Shakespeare-Übersetzers, nach dem auch ein alle zwei Jahre vergebener Übersetzerpreis benannt ist. Mittlerweile finden die Treffen im zweijährigen Turnus an wechselnden Orten statt. Je 7500 Euro ließen sich das Land und die Stadt Freiburg die diesjährige Veranstaltung kosten, die vom Literaturbüro Südwest unter Mitwirkung des Freiburger Kulturamts organisiert wurde.

 

Dank verschiedener im städtischen Kulturkalender fest verankerter Veranstaltungen gilt Freiburg mittlerweile als Literaturstadt. Bei der Eröffnungsveranstaltung wollte Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach darüber hinaus von der "exzellenten Übersetzerszene Freiburgs" sprechen — schon mit Blick darauf, dass die beiden letzten Übersetzerpreis trägerinnen der Leipziger Buchmesse, Ragni Maria Gschwend und Swetlana Geier, Freiburgerinnen sind. Gschwend, Präsidentin eines einflussreichen Übersetzer-Freundeskreises, bedankte sich artig mit einem Lob für die städtische Literaturförderung. Den Freiburger Doppel- verlängerte zum Steilpass ins gegnerische Feld der Verleger dann eine Lesung aus ihrer Übersetzung von Antonio Morescos Roman "Aufbrüche" . Gipfelte die doch in der höhnischen Groteske eines Verlegers, der sich Übersetzer der mehr überirdischen Art vorstellt, die ihre Arbeit ohne vorherige zeitaufwendige Lektüre des Originals tun — denn solche "die den Text erst lesen müssen, nützen einem nichts." Ließe sich dann nicht auch das Übersetzerhonorar noch ein wenig drücken?

 

Einige Übersetzer ließen sich bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen wie Ulrich Blumenbach, der zurzeit David Foster Wallaces Roman "Infinite Jest" übersetzt. Dass bei Christiane Krauses Vortrag über die Verbreitung von Anglizismen in der deutschen Gegenwartssprache zahlreiche Übersetzer im Publikum saßen, offenbarte die von Fachwissen getragene angeregte Diskussion im Anschluss.

 

Regen Zulauf fand, wie die meisten Veranstaltungen, so zuletzt auch das von dem Literaturkritiker und Fernsehjournalisten Denis Scheck mit viel Witz, Esprit und Sympathie für die Belange der Übersetzer moderierte Podiumsgespräch im SWR-Schlossbergsaal — ein Highlight, bei dem zwar zahlreiche Facetten des Übersetzens angetippt wurden, die Rede sich jedoch naturgemäß "ganz schnell auf das Thema Geld" (Scheck) zubewegte. So nannte es der Freiburger Übersetzer Tobias Scheffel einen "Skandal" , dass in der Buchbranche viele von ihrer Arbeit gut bis leidlich leben könnten, nur die Übersetzer nicht. Gleichzeitig erinnerte er an die juristische Problematik tariflicher Vereinbarungen zwischen Verlagen und freiberuflich arbeitenden Übersetzern.

 

Die Lektorin Katharina Raabe beklagte das "Desiderat" einer fundierten Übersetzungskritik in Rezensionen und die Unsichtbarkeit des Übersetzers in der öffentlichen Literaturdiskussion, wollte am so genannten "Münchner Modell" , das eine Auflagenbeteiligung für Übersetzer vorsieht, aber einzig die Fondsklausel gelten lassen (in der Scheck "Kommunismus" witterte). Auch Lucien Leitess vom Schweizer Unions Verlag zeigte wenig Bereitschaft, den Übersetzern etwas abzugeben. Wie Raabe in höheren Buchpreisen, sah er einen Ausweg in staatlicher Förderung von Übersetzungen. Von der wollte die Übersetzerin Maike Dörries freilich nichts wissen, die auf Schecks Frage, warum sie trotz eklatanter Unterbezahlung übersetze, entwaffnend antwortete: "Ich kann nicht anders" . Und von ihrem "unglaublich kreativen Job" und ihrer "verrückten Begeisterung für das Buch" sprach. Sind Übersetzer vielleicht doch glückliche Menschen?

 

Hans-Dieter Fronz

 


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