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Badische Zeitung vom Donnerstag, 3. Mai 2007

Wie ein Frosch im Milchfass

Im Film "Spurwechsel" begegnen sich deutsche und russische Übersetzer



Macht Übersetzen glücklich? Swetlana Geier(FOTO: PRIVAT)

Wer von einer Sprache in die andere übersetzt, muss die Spur wechseln. Das ist die sehr klare und sehr plastische Beschreibung eines Vorgangs, ohne den es keinen Austausch zwischen den Kulturen gäbe. Der Übersetzer, immer im Schatten des Autors und in dieser Position leicht übersehbar, ist der stille Held von Vielfalt, Verschiedenheit und Vielstimmigkeit — ein Wanderer zwischen den sprachlichen Sphären, der sich schmerzlich der Tatsache bewusst bleibt, dass ein Spurwechsel nur mit Verlusten einhergehen kann, aber dennoch — oder auch gerade deshalb — sich immer wieder der Herausforderung stellt.

 

Zehn Übersetzer aus dem Russischen ins Deutsche und, umgekehrt, aus dem Deutschen ins Russische porträtiert der Film "Spurwechsel" , der bei den Baden-Württembergischen Übersetzertagen heute gezeigt wird. Er ist das kollektive Werk von fünf Übersetzern, die ihre Kollegen jeweils paarweise unter einem bestimmten Aspekt zusammengespannt haben — und ihnen bei einer Lauflänge von 90 Minuten ausreichend Raum geben, ihre Ideen vom Übersetzen kundzutun.

 

Gabriele Leupold und Sergej Romaako etwa machen sich Gedanken über das Übertragen von Zitaten; der Russe findet ein schönes Bild für die Unübertragbarkeit des historischen Zusammenhangs, aus dem heraus allein ein Zitat zu verstehen ist: Es sei "wie wenn man von einem Baum die Krone abschneidet" . Die lange Geschichte des Lateins im Deutschen fehlt im Russischen. Da zappelt dann der Übersetzer wie ein Frosch im Milchfass.

 

"Man kann keinen Doppelgänger schaffen" : Das sagt klipp und klar — wie es ihre Art ist — die Freiburger Dostojewskij-Übersetzerin Swetlana Geier, die sich im Duo mit dem Kafka-Übersetzer Michail Rudnickij über "Körpersprache — Sprachkörper" äußert. Es fallen viele, kluge, nachdenkliche, bemerkenswerte Sätze in diesem Film — und beiläufig erzählt "Spurwechsel" auch vom Unterschied der Temperamente: Die Deutschen geben sich nüchtern, kühl und pragmatisch — etwa die in Zürich lebende Übersetzerin Dorothea Trottenburg, die mit Spaß, aber ohne Herzblut Wladimir Sorokin übersetzt — , die Russen dagegen leidenschaftlich und mit existenziellem Engagement bei der Sache: "Wenn Sie sich für einen Text nicht begeistern können, übersetzen Sie ihn lieber nicht" : So der Rat, den Salomon Apt seinen Kollegen mit auf den Weg gibt. Die Lyrikerin und Übersetzerin Ilma Rakusa hat auch eine sprachliche Erklärung dafür: Das Russische, so ihre Erfahrung, hat mehr Wärme und eine geradezu überwältigende Bandbreite an Möglichkeiten, Gefühle auszudrücken.

 

Ob das Übersetzen glücklich macht, wollten die Filmemacher am Ende wissen. "Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht ohne" : Swetlana Geiers unsentimentales Bekenntnis ist vielleicht die schönste Liebeserklärung an ihren Beruf.

 

Bettina Schulte

 

— "Spurwechsel" wird heute um 18 Uhr im Haus für Film und Literatur, Freiburg, Urachstraße 40 gezeigt. Die Mitproduzentin Anna Schibarova spricht anschließend mit Swetlana Geier.


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