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Badische Zeitung vom Donnerstag, 3. Mai 2007

"Da hilft nur der Wahnsinn"

 

Ticket-Interview: Ebi Naumann hat die berühmten Popeye-Comics ins Deutsche übersetzt — bei den Baden-Württembergischen Übersetzertagen in Freiburg präsentiert er einen Abend mit dem Seemann



Ebi Naumann(FOTO: PRIVAT)

"Tas machssu ja kanz toll" — so redet Popeye, wenn er Deutsch redet. Ebi Naumann (57) hat die Comic-Geschichten mit dem weltberühmten Seemann übersetzt und sich eine eigene Sprache dafür ausgedacht. Im Rahmen der Baden-Württembergischen Übersetzertage, die dieses Jahr in Freiburg stattfinden, präsentiert Naumann nicht nur seine Übersetzung, sondern auch alte Popeye-Filme. Mit ihm sprach Jürgen Schickinger.

 

Ticket: Sie haben Popeyes Dialekt aus Seemannsdeutsch, Marinedeutsch, Hamburger Nachtjargon, kreativer Freiheit und "einem Hauch Wahnsinn" gemischt! Ist das noch Übersetzung?

Ebi Naumann: Im weitesten Sinn schon. Speziell bei Popeye stellt sich aber die Frage: Finde ich eine Sprache, die die Figur widerspiegelt? Schließlich spricht er auch im Original keinen bestimmten Dialekt. Außerdem sollte es eine literarische Comic-Übersetzung werden. Also habe ich mich entschieden, eine deutsche Entsprechung für das zu suchen, was Popeyes Sprache im Amerikanischen ausmacht. Durch die Mischung der verschiedenen Ingredienzien entstand eine norddeutsch-maritime Kunstsprache, die sich beim lauten Lesen in ein norddeutsches Idiom verwandelt.



Ticket: Dazu mussten Sie sich in Popeye hineindenken. Geht das leichter, wenn einem die Figur sympathisch ist?

Naumann: Der Ur-Popeye hat mit dem späteren Spinat-Popeye, den 99 Prozent der Leute aus den Filmen kennen, nichts zu tun. Er ist eine schillernde, vielschichtige Figur und nicht leicht zu fassen. Das geht schon besser, wenn die Figur sympathisch ist. Mir hilft es zudem, Texte laut zu lesen. Das habe ich auch mit dem amerikanischen Popeye getan. So habe ich ihn und seine Sprache gefunden: Man nehme ein bisschen der Comic-Figur Werner und Hans Albers — deren Stimmen und Ausdrucksweisen sind ja aus Filmen bekannt — , und schon hat man eine lebendige Figur.

 

Ticket: Wie lange dauert so etwas?

Naumann: An dem Buch habe ich knapp ein Jahr gesessen! Bei der Übersetzung habe ich von vorne angefangen. Als Popeye erstmals auftritt, ist er nur eine Randfigur. Aber er wird immer zentraler. Er verändert sich wie der ganze Strip. Wir haben uns entschieden, den Spaß des Buches zu erhöhen, statt eine sprachliche Entwicklung zu verfolgen. Deshalb musste ich mir die ersten Geschichten später wieder vornehmen und anpassen: Der Leser bekommt den wahren Popeye. Das hat funktioniert. Bis heute haben wir das Buch 5000-mal verkauft! Das ist sehr viel.

 

Ticket: Haben Sie Berge nautischer Literatur gewälzt, um mehr Gespür für Popeye zu bekommen?

Naumann: Nein. Ich habe ja sehr lange mit der Figur Popeye gelebt. Wichtiger fand ich, ein Gefühl für die Zeit zu bekommen, in der die Geschichten spielen: 1929 ging es den Leuten in den USA schlecht. Die Unzufriedenheit war groß. Da erstaunt es nicht, dass ein zupackender Charakter wie Popeye eine Rolle in einem Zeitungsstrip bekommt. Er ist so eine Art Alter Ego seines Schöpfers E. C. Segar. Der hat viel vom Alltag abgeschaut und mit seinen Strips die Wirklichkeit reflektiert.

 

Ticket: Wozu war denn der Hauch Wahnsinn nötig?

Naumann: Dafür, dass ich es überhaupt gemacht habe. Ich würde es auch nicht mehr tun! Popeye macht es einem schwer: Der Bursche ist nicht konsequent in seiner Sprache. Da hilft nur der Wahnsinn! Zudem ist das Platzproblem bei Comic-Übersetzungen anstrengend: Man kann nicht einfach den amerikanischen Text in den Sprechblasen ausradieren und den deutschen Text reinschreiben. Der braucht mehr Platz. Die Schrift würde immer kleiner werden. Der Originaltext lässt sich nur im Einzelfall eins zu eins übertragen. Das kostet viel Zeit.

 

Ticket: Was geschieht beim Lesekino?

Naumann: Da werfe ich 300 bis 400 Panels aus Popeye an die Wand und lese vor. Das ist eine Lesung mit Bildern. Lesekino ist eine sehr schöne Form, Comics zu beleben und in einen Rahmen zu bringen, wo 50 bis 100 Leute zuhören. So können Comics kollektiv genossen werden. Das macht richtig Spaß! Anfangs sorgte die Technik für Verwirrung, weil die Panels nicht immer zum Text passten. Aber jetzt klappt es.

 

 

Übersetzertage In Freiburg

 

Ebi Naumann präsentiert "Pissu plöde, Seemann?" , eine "Lesekino" -Show zu Popeye-Comics, Fr, 4. Mai, 20 Uhr, Haus für Film und Literatur (Alter Wiehrebahnhof, Urachstr. 40)

 

Weitere Termine (Auswahl):

Do, 3. Mai, Haus für Film und Literatur, 20 Uhr, Anna Schibarova im Gespräch mit Swetlana Geier;

Fr, 4. Mai, Haus für Film und Literatur, 16-18 Uhr: Café-Lesungen mit drei Übersetzerinnen; 18 Uhr: "Chillen, checken, cool" — Vortrag von Christiane Krause zu Anglizismen

Sa, 5. Mai, Haus für Film und Literatur, 16-18 Uhr: Café-Lesungen mit drei Übersetzern; 20 Uhr: Der ägyptische Autor Alaa al-Aswani ("Der Jakubijân Bau" ) im Gespräch mit Übersetzer Hartmut Fähndrich

So, 6. Mai, 11 Uhr, SWR-Studio, Kartäuserstr. 45: Podiumsgespräch "Literarische Übersetzer — Handlanger des Literaturbetriebs?"

 

 

Popeye — Das Buch

 

Popeye ist der Seemann, der Spinat isst, wenn er viel Kraft braucht. Von 1929 bis 1938 zeichnete Elzie Crisler Segar die Comic-Strips mit ihm. Zeitweise wurden sie von mehr als 600 US-amerikanischen Tageszeitungen gedruckt. Ebi Naumann hat eine Auswahl für einen Prachtband ins Deutsche übertragen.

 

— E.C. Segar: Popeye. Übersetzt von Ebi Naumann, Marebuchverlag, Hamburg 2006, 448 Seiten, 29.90 Euro


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