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Badische Zeitung vom Samstag, 21. April 2007

Wie Wirklichkeit entsteht und wieder verschwindet Abo

Der Suhrkamp Verlag setzt auf junge Autoren, die über ihre literarischen Mittel reflektieren: Die Debüts von Ariane Breidenstein und Paul Brodowsky



P. Brodowsky(FOTO: SUHRKAMP)

Sogar einen Button mit dem aufgedruckten Titel von Ariane Breidensteins Erstling "Und nichts an mir ist freundlich" hat der Suhrkamp Verlag produziert. Es klingt wie eine Kampfansage gegenüber allen ausgewogen erzählten Familiengeschichten und dem Literatur gewordenen deutschen Fräuleinwunder. Gleich eine Riege junger Autoren, zu denen neben Breidenstein und Paul Brodowsky auch Kevin Vennemann und Thomas Melle gehören, hat der Frankfurter Verlag in sein Frühjahrsprogramm aufgenommen. Statt interner Querelen sollen also junge Autoren auf der Agenda stehen. Es sind fast ausnahmslos Schriftsteller, die über ihre literarischen Mittel zu reflektieren wissen.

 

Jede Biografie, schreibt Breidenstein, sei "gelogen, erstunken und gelogen" . Dieses Urteil könnte ihrer ersten Veröffentlichung voranstehen, die weder Roman noch Erzählung sein will, vielmehr ein 140 Seiten langes Selbstgespräch ist. Zur Fiktion dieser Biografie: Ariane Breidenstein wurde 1974 in Bergisch Gladbach geboren, studierte in Düsseldorf und Berlin Kunst, war Meisterschülerin von Leiko Ikemura und hat mit "Und nichts an mir ist freundlich" das Metier gewechselt. Sie schreibt über das "langweilige Leben der A.B." und verlagert die Geschichte konsequent ins (Natur-)Erleben der Ich-Erzählerin. An die Stelle von Handlung setzt sie ihren "Hautwiderstand" zur Außenwelt. Der Textfluss folgt den Gedanken der Erzählerin. "Und dann, immer wenn ich etwas tue, so wie jetzt und es mit mir fortfährt, es in mir fortfährt, dann möchte ich, daß es niemals aufhört. Warum mich immer nur das ansaugt, was die Welt so elend verschwinden läßt."



A. Breidenstein(FOTO: MANGOLD)

Leben wird durch Literatur vermittelt, Emily Dickinson und Friedrike Mayröcker werden genannt, Ingeborg Bachmann kann man ergänzen, schließlich befindet sich die Ich-Erzählerin in ihrem 30. Jahr. Ein Text aus der Lebensmitte ist "Und nichts an mir ist freundlich" dennoch nicht, eher einer der Adoleszenzkrise. Die hinlänglich bekannten Zutaten sind das schwierige Verhältnis zu den Eltern und das Unbehagen gegenüber den Anforderungen des Alltags und von Fremden. Freundschaft, Liebesgeschichten kommen vor, geschehen aber in Nebensätzen. Ariane Breidenstein nimmt durch einen fast lyrisch zu nennenden Ton ein, zu oft aber neigt sie zu Larmoyanz, die sich in formaler Beliebigkeit auswirkt.

 

Erzählen Paul Brodowskys Figuren von dem, was ihnen zustößt, befinden sie sich selbst mitten in einem literarischen Prozess. Denn meist rekapitulieren die männlichen Ich-Erzähler seines Prosabandes "Die blinde Fotografin" im Rückblick Verluste, den Tod der Freundin, ihren Betrug. Der Erzählfaden sucht Nebenwege. Er legt sich wie ein kompliziertes U-Bahn-System durch den Text, das Brodowskys Großstadtbewohner benutzen und das durch "knäulende Schienenstränge" und verzweigte Subwaystationen und Tunnelsysteme beschrieben wird.

 

Wenn Brodowsky der Eingangserzählung "Aufnahme" das Zitat des Architekten und Urbanisten Rem Koolhaas "Manhattan: no time for consciousness" als Motto voranstellt, spielt er nicht allein auf die eindrängenden Wahrnehmungen einer Großstadt an, er bezieht sich auch auf den stream of consciousness, den Bewusstseinsstrom als Mittel eines genuin modernen Erzählens. Nur, Paul Brodowsky folgt weder einem bewusst assoziativ gehaltenen Gedankenfluss noch lässt er sich von der Sprache treiben. Versuchen die Ich-Erzähler der Wirklichkeit habhaft zu werden, setzen sie die Leere dagegen oder beschreiben sie in Miniaturbildern. Tatsächlich debütierte der 1980 geborene Brodowsky 2002 mit den Prosaskizzen "Milch Holz Katzen" . So löscht der Prota-gonist von "Zoltan und ich" , als er von der Affäre seiner Freundin erfährt, alle Aufnahmen, die er für einen Kompositionsauftrag in Vietnam gemacht hat: "das Hupen der sich durch den dichten Verkehr schiebenden Taxis, das Motobikemotobike-Mantra der sich anbietenden Motorrollerfahrer, das Klingeln der um Kundschaft bettelnden, fröhlichen Fahrradrikschafahrer, um anschließend, nach dem Löschen aller Samples, das leere Schnapsglas auf dem Plastiktisch abzustellen und mich an der eckigen, aus sechs schwarzen Einzelbalken zusammengesetzten Null auf der Digitalanzeige des Aufnahmegerätes zu berauschen" . Literatur als lustvolles Entstehen- und Verschwindenlassen von Wirklichkeit: Das ist nicht das schlechteste Signal für diesen Bücherfrühling.

Annette Hoffmann

 

— Ariane Breidenstein: Und nichts an mir ist freundlich. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 140 S., 14,80 Euro.

— Paul Brodowsky: Die blinde Fotografin. Erzählungen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 136 S., 14,80 Euro.

— Ariane Breidenstein und Paul Brodowsky lesen am 23. April um 20 Uhr im Alten Wiehrebahnhof auf Einladung des Literaturbüros und der Buchhandlung Schwarz.


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