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Badische Zeitung vom Samstag, 24. März 2007

Auf der Leseinsel

Die Leipziger Buchmesse macht sich für die Kleinen der Branche stark / Günter Grass wütet gegen die vereinte Presse

 



Zwei Messebesucherinnen haben schon ihre Favoriten gefunden.(FOTO: DPA)

Die Tüte. Ohne die Tüte ist man auf der Leipziger Buchmesse ziemlich verloren. Die Tüte gibt es in verschiedenen Varianten. Jute ist out, Papier in. Die schönsten Tüten gibt es bei den Fernsehsendern, bei Arte oder Phoenix, stabil mit Boden und Kordel. Da sieht man, wer noch Geld hat auf dem Medienmarkt. Die überregionalen Tageszeitungen hüllen sich in Plastik; die Wochenzeitung Die Zeit hat sich ein schönes Gewinnspiel einfallen lassen, mit "Glückslosen" , bei denen man aber immer nur die jüngste Ausgabe gewinnt. Klappern gehört zum Handwerk — und wenn nicht hier wo sonst, auf dieser Publikumsmesse, bei der die potenziellen Probeabonnenten strömen und strömen, hat man Gelegenheit dazu — und da die großen Geschäfte in Leipzig nicht gemacht werden, bleibt Zeit für die kleinen.

 

Das Kleine, das Randständige, das nicht mit der großen Zahl operieren kann — in Leipzig hat es seinen Auftritt. Hier geht es, wie Thomas Geiger, Leiter des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB), das seit acht Jahren das Programm im "Café Europa" organisiert, mit Genugtuung feststellt, um Inhalte: In der Buchbranche heißt das: um Schriftsteller, die keine Bestsellerquoten erreichen, um Verlage, die nicht die amerikanischen Großautoren mit Unsummen für den deutschen Markt einkaufen, und um die Menschen, denen es zu verdanken ist, dass das kulturelle Europa nicht nur auf dem Papier existiert: die Übersetzer. Nur in Leipzig — nicht in Frankfurt — werden sie mit einem Preis geehrt; seine Existenz ist maßgeblich dem LCB zu verdanken.

 

Dass die Übersetzer angemessen bezahlt werden müssen, ist seit einer Novelle des Urhebervertragsrechts von 2002 amtlich. Eine mit dem Übersetzer Burkhart Kroeber, dem Hoffmann und Campe-Verleger Günter Berg und dem Literaturkritiker Denis Scheck prominent besetzte Diskussion kam zu der erstaunlich einhelligen Erkenntnis, dass sich das Übersetzen mehr lohnen muss: ob durch Regelungen von außen, die vom Honorar für die ausländischen Autoren ein halbes Prozent für den Übersetzer abzwacken, oder durch verlagsinterne Maßnahmen, die sich eigentlich von selbst verstehende Beteiligung der Übersetzer am Erfolg eines Buches zum Beispiel: Darüber wird wohl noch viel gestritten werden.

 

Die Branche steht zunehmend unter Erfolgsdruck

 

Dass auch das Büchermachen ohne Selbstausbeutung nicht funktioniert: Davon können die kleinen Verlage ein Lied singen. Auch ihnen bietet die Leipziger Buchmesse eine Plattform: den Kurt-Wolff-Preis, der in diesem Jahr an den Frankfurter Stroemfeld Verlag und den in Weil am Rhein ansässigen Lyrikspezialisten Urs Engeler Editor (Förderpreis) ging. In seiner engagierten Laudatio erinnerte der Freiburger Wissenschaftler, Publizist und Stroemfeld-Autor Klaus Theweleit daran, dass es immer schon die gern als Trüffelschweine bezeichneten Kleinverlage gewesen sind, denen die größten literarischen Entdeckungen gelangen: James Joyce ist nur das prominenteste Beispiel. Gelegentlich glückt kleinen Verlagen auch ein ökonomischer Erfolg: "Tannöd" , das aus dem Nichts gekommene Krimidebüt von Anna-Maria Schenkel, hat dem Nautilus-Verlag Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste beschert. Trotzdem müssen kleinere Verlage feststellen, dass das Edieren von Jahr zu Jahr ein mühsameres Geschäft wird. Die vielbeschworene Vielfalt der Szene kommt im Buchhandel immer weniger an. Die zunehmend unter Erfolgsdruck stehende Branche setzt mit Schützenhilfe des Fernsehens immer mehr auf Bestseller, die Schere zwischen den wenigen sich fabelhaft verkaufenden Büchern und den vielen in der Grauzone der Kaumbeachtung versinkenden Titel klafft immer weiter auf.

 

Gerade die jüngsten Verlagsgründungen lassen sich von diesem Befund nicht beunruhigen. Die "Independents" , wie sie sich selbstbewusst nennen, machen mit der gut gemachten Messezeitung "fünfnull" und einem etwas anderen Programm auf der "Leseinsel junger Verlage" auf sich aufmerksam — eine interessante Wiederbelebung des alten Kampfmottos "Gemeinsam sind wir stark" . Man könnte auch sagen: Jammern und Klagen hilft nicht.

 

Oder manchmal vielleicht doch? Einer der letzten Großdichter der bundesdeutschen Nachkriegszeit hat seine wütende Klage in großformatig gedruckte Verse ("Dummer August" ) gegossen: Günter Grass, das selbsternannte jüngste Opfer einer im "Wolfsrudelgeheul" (Grass) vereinten Presse. Unter dem Andrang von Hunderten von Zuhörern ließ der wegen seines späten Bekenntnisses zur Waffen-SS-Zugehörigkeit im vergangenen Spätsommer in die Kritik geratene Literaturnobelpreisträger auf dem von "Aspekte" , Süddeutscher Zeitung und Bertelsmann bestücken Blauen Sofa seinem Zorn über die "Gleichgestimmtheit" der Medien in "Niedertracht" freien Lauf. Dass sich in die heftige Debatte um die moralische Instanz der Bundesrepublik durchaus auch nachdenkliche, Grass in Schutz nehmende Stimmen gemischt hatten: In seiner maßlosen Verletztheit kann Grass dies wohl nicht wahrnehmen. So holte er zum Rundumschlag gegen das "Stand- und Schnellgericht" der vierten Gewalt aus, der einen zwiespältigen Eindruck hinterließ.

 

 


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