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Badische Zeitung vom Mittwoch, 21. März 2007

"Das ist die dokumentierte Verachtung"

BZ-INTERVIEW mit drei Freiburger Übersetzern über den zähen Streit um die angemessene Vergütung ihrer Tätigkeit

 



Streiten für gerechtere Honorare: Die Übersetzer Christoph Trunk, Cornelia Holfelder-von der Tann und Tobias Scheffel(FOTO: THOMAS KUNZ)

Über mangelnde Achtung brauchen sich Deutschlands Übersetzer nicht zu beklagen — aber über mangelndes Geld. Laut einer Novelle des Urhebervertragsrechts von 2002 müssen sie angemessen entlohnt werden. Seitdem streitet der Übersetzerverband mit den Verlegern um die Umsetzung des Gesetzes. Einen verschärften Ton brachte unlängst die Süddeutsche Zeitung in die Debatte, als sie von Übersetzern mehr Idealismus für ihre kulturell wertvolle Arbeit forderte. Mit den drei Freiburger Übersetzern Cornelia Holfelder-von der Tann, Tobias Scheffel und Christoph Trunk sprach Bettina Schulte.

 

BZ: Hand aufs Herz: Was verdienen Sie?

Holfelder-von der Tann: Ich übersetze seit 30 Jahren und habe das Optimum erreicht. In einem Jahr, in dem ich gesund bin, komme ich auf ein Facharbeiterinnengehalt.

BZ: Und Sie, Herr Scheffel?

Scheffel: Mein zu versteuerndes Einkommen lag in den letzten Jahren zwischen 9000 und 17 000 Euro. Die Verlegerseite macht gern die Rechnung von Übersetzern auf, die 200 Seiten im Monat schaffen. Bei 18 Euro pro Seite macht das 3600 Euro Umsatz im Monat. Diese Rechnung ist im Ansatz falsch. In den 15 Jahren, in denen ich übersetze, habe ich keinen Kollegen kennen gelernt, der dieses Pensum geschafft hätte. Das Maximum sind 130 Seiten.

BZ: Sieht das bei Ihnen besser aus, Herr Trunk? Sie übersetzen vor allem Sachbücher.



Bücher, ein kostbares Gut(FOTO: DPA)

Trunk: Ich habe gerade ein Buch mit 500 Seiten abgeschlossen. Dafür habe ich 8000 Euro bekommen. Wenn ich die ganze Zeit so gearbeitet hätte wie in der Endphase, hätte ich vielleicht dreieinhalb statt fünf Monate gebraucht.

BZ: Im Frühjahr 2002 ist eine Novelle des Urheberrechts erlassen worden, die eine angemessene Vergütung für alle Urheber einfordert.

Scheffel: Die literarischen Übersetzer sind besonders hervorgehoben worden.

BZ: Seitdem hat sich nichts getan. Woran liegt das?

Scheffel: Man hat ja immer die Tendenz zu sagen: Es sind die anderen. Tatsächlich kann ich auf unserer Seite keine Ver-säumnisse sehen.

Holfelder: Es gibt auf Verlegerseite keinen formellen Zusammenschluss.

Scheffel: Für mich riecht das nach einem Sichentziehen. Von Verlagsseite ist mehrfach zu hören gewesen, dass man den Übersetzern entgegenkommen will, es aber unter dem Strich nichts kosten darf. Solange diese Einstellung vorherrscht, geht nichts.

BZ: Es geht beim Übersetzen ja nicht al-lein um einen kulturellen Akt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, heißt es schließlich.

Scheffel: In meinem gerichtlichen Streit mit dem Aufbau Verlag um die Überset-zung von Fred Vargas ist mir vorgehalten worden, ich stellte mich auf die Seite des Geldes. (Holfelder lacht spöttisch.) Ich kann das nur als blanken Zynismus werten — der Verlag erwirtschaftet mit meinen Übersetzungen einen Umsatz von 3,5 Millionen Euro und sieht sich nicht in der Lage, den Übersetzer daran zu beteiligen; und als er danach fragt, teilt er ihm mit, die Übersetzungen seien schlecht und man suche einen anderen.

BZ: Warum tun sich die Verlage so schwer? Gerät nicht mancher in die Bredouille, wenn er seine Übersetzer besser bezahlen muss?

Scheffel: Es gibt sicher Verlage, die eng kalkulieren. In dieser Branche können die wenigsten reich werden. Aber es kann nicht sein, dass in der Kette aller Beteiligten an der Buchproduktion der größte Teil von dem, was er verdient, leidlich bis gut leben kann, nur die Übersetzer nicht.

BZ: Thomas Steinfeld hat in der Süddeut-schen Zeitung von den Übersetzern gefor-dert, sie mögen ihre Tätigkeit doch bitte nicht unter ökonomischem Aspekt sehen. Was sagen Sie dazu?

Scheffel: Das ist entweder naiv oder perfide. Entweder hat er sich nicht kundig gemacht oder er vertritt jemandes Interesse. Beides sind sehr verstörende Vorstellungen. Entsprechend groß war die Empörung der Kollegen. Viele nehmen hin, dass sie nicht toll verdienen. Wenn ihnen dann aber jemand unterstellt &

Holfelder (lacht): & sie gingen nur nach dem Geld&

Scheffel: & oder würden die Kultur in diesem Land massiv beschädigen, seien eine Art Verdi-Funktionäre, die nur an ihre Pfründe denken, hört der Spaß auf.

Holfelder: Wir finanzieren schon genug Kultur.

BZ: Indem Sie bereit sind, unter den Be-dingungen zu arbeiten, die Sie vorgefun-den haben?

Holfelder: Da geistert noch ein altes Be-rufsbild herum, dass Übersetzer gutgestellte Professorengattinnen sind, die nebenbei etwas Sinnvolles für die Völkerverständigung tun. Selbst wenn ich einen solchen Gatten hätte, könnte ich heute nicht mehr so arbeiten.

Trunk: Herr Steinfeld argumentiert für die Beibehaltung des Status Quo. Das bedeutet, dass die Honorare über zehn bis zwanzig Jahre bis zu 20 Prozent sinken. Er liegt damit wunderbar auf der Linie der Verlegerstrategie: So lange mauern, wie es geht.

BZ: Aber normalerweise werden Gesetze doch geändert, damit diese Änderungen auch Anwendung finden.

Scheffel: Es wurde von beiden Seiten er-wartet, dass man sich in absehbarer Zeit einigt. Nun sind fünf Jahre vergangen.

BZ: Wie soll es weitergehen?

Holfelder: Es steht das so genannte Münchner Modell der Arbeitsgemeinschaft der Publikumsverlage im Raum. Es sieht 3 Prozent Beteiligung bis 1000 Exemplare vor, 2 Prozent bis 10 000, 1 Prozent bis 50 000. Ab 50 000 bezahlen die Verleger in einen Fonds ein, der allen Übersetzern zugute kommen soll: 0,25 Prozent im Hardcover, 0,15 Prozent im Taschenbuch. Das heißt: Bei den Bestsellern zahlen die Verlage 5 Cent pro Buch in den Fonds.

Scheffel: Es widerspricht dem Geist des Urheberrechts, bei Erfolg nicht mehr, sondern weniger zu zahlen. Das ist nichts anderes als eine Farce: die, wie ein Münchner Anwalt formulierte, dokumentierte Verachtung.

Trunk: Es bewahrt die Verlage davor, die Übersetzer an Bestsellern zu beteiligen. Der Übersetzer von Harry Potter sieht nach dem Modell so gut wie nichts mehr.

BZ: Das sieht nach einer David-Goliath-Geschichte aus.

Scheffel: Das Gesetz ist zur Stärkung der Urheber da. Trotzdem ist die Branche offenbar nicht in der Lage, den Konflikt zu lösen. Das finde ich schon erschütternd.

Trunk: Im Augenblick bleibt nur der Weg der Klage. Ein Prozess, den eine Kollegin und ich führen, wird bis zum Bundesgerichtshof gehen.

BZ: Weswegen haben Sie geklagt?

Trunk: Wegen der Erfolgsbeteiligung an einem richtigen Bestseller ("Ayla und der Stein des Feuers" ) gegen Random House. Das Lektorat hat fünfmal so viel gekostet wie die Übersetzung.

Scheffel: Man kann den Blick ins Ausland schweifen lassen. In Frankreich kriegen unsere Kollegen 30 bis 50 Prozent mehr, und ich habe vom Untergang der französischen Kultur noch nichts gehört.

BZ: Wäre ein staatlicher Fonds denkbar?

Holfelder: In kleinen Ländern mag das sinnvoll sein. In Deutschland ist der Buchmarkt groß genug, um die Überset-zungskosten zu tragen.

Trunk: Wer ein Produkt herstellt, bekommt immer wenig. Das Geld verdienen die Leute, die es vermarkten. Als Urheber stellen wir eine Art Rohstoff her, an dem man durchaus verdienen kann.

 

 


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