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Badische Zeitung vom Freitag, 19. Januar 2007

Seid Sand im Getriebe

"Träume" und "Zeit und Kartoffeln" : Die Freiburg HörBar erinnert an Günter Eich, der das deutsche Nachkriegshörspiel prägte



Schwerkraft des Kartoffelsacks: Hörspielautor Günter Eich(FOTO: ULLSTEIN)

Man kann es sich heute schwer vorstellen, aber in den fünfziger Jahren war der Rundfunk einmal das Leitmedium der Moderne und das literarische Hörspiel so etwas wie die vierte Gattung neben Lyrik, Drama und Prosa. Wenn ein aufwendig produziertes Hörspiel von Böll, Walser oder Beckett ausgestrahlt wurde, saßen Millionen andächtig und konzentriert lauschend vor dem Radio. Günter Eich war der Pionier und ungekrönte König des Genres. 1929 hatte er eines der ersten deutsche Hörspiele (über Caruso) geschrieben, bis 1940 — Eich war im Dritten Reich Mitläufer und als Naturlyriker nicht ganz unempfänglich für die Schollen-Ideologie — 25 weitere dazu, und Eich blieb bis weit in die Sechziger hinein der produktivste, meistgespielte und wohl auch beste deutsche Hörspielautor, das "Eich-Maß" einer ganzen Generation. Zu seinem 100.Geburtstag am 1. Februar sendet SWR 2 eine Eich-Retrospektive mit zehn Hör-Klassikern wie "Träume" , "Die Andere und ich" und "Das Mädchen aus Viterbo" . Die "HörBar" des Freiburger Literaturbüros führt heute Abend die Baden-Badener Fassung der "Träume" (1955) und — zwei Wochen vor der Radiopremiere — eine Neuproduktion von Eichs letztem Hörspiel "Zeit und Kartoffeln" vor.

 

"Träume" war die spektakuläre Geburtsstunde des Nachkriegshörspiels, ein Radioskandal wie einst Orson Welles’ "Krieg der Welten" . Die Sendung am 19. April 1951 war vorsorglich auf den späten Abend verlegt worden, weil man, wie der Spiegel mutmaßte, "die Kinder schon in den Betten wissen wollte" . Es wurde dennoch eine "mörderische Angelegenheit" . In fünf Kapiteln — je einem für jeden Kontinent — beschrieb Eich beunruhigende und befremdliche Albträume gewöhn licher Menschen ("Vermutlich werden die angenehmen Träume dieser Welt von Schurken geträumt" , sagte er später einmal), in denen apokalyptische Visionen, Urängste und die jüngsten Schrecken von Auschwitz und Hiroshima zusammenkamen. Szenen der Verlorenheit und Grausamkeit, existenzieller Angst und Hoffnungslosigkeit, und die Erzählerkom men tare dazwischen boten mit ihrer moralischen Unerbittlichkeit auch nicht eben Trost oder Auswege an: "Denke daran, dass du schuld bist an allem Entsetz lichen, dass sich fern von dir abspielt." Kein Wunder, dass das mehr mit Restauration und Wirtschaftswunder beschäftigte Publikum verstört und empört auf diese neuerliche Zumutung des Erfinders der "Kahlschlagliteratur" reagierte: Es hagelte böse Anrufe ("Kann man den Mann da nicht einsperren?" ), und selbst die Kriegsblinden wollten Eich ihren Hörspiel-Oscar noch nicht zuerkennen. Die Schlusszeilen der "Träume" enthielten jenes Credo "kritischer Zeitgenossenschaft" , das die bundesrepublikanische Intelligenz von Böll bis Grass fast ein halbes Jahrhundert lang umtreiben sollte: "Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! / Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt" .

 

So direkt und eindeutig war Eich später nur noch selten. Sein Gedichte und Hörspiele wurden immer lakonischer, bitterer, rätselhafter und resignierter. Das Hörspiel galt damals weithin als "Pause mit Worten ringsherum" (so Eichs Regisseur Fritz Schröder-Jahn), und das galt erst recht für Eichs Poetik. Dichtung war für ihn die Übersetzung aus einer Ursprache, die man nicht versteht. Das Schweigen in Worte, innere Monologe und Dialoge zu übersetzen, ohne den Charakter des Schweigens aufzugeben, war für Eich kein Paradox, sondern die "dramaturgische Notwendigkeit" des Hörspiels und die "Legitimation des Apparats, was ihn menschlich macht" .

 

In "Zeit und Kartoffeln" , seinem vielleicht schwierigsten und heitersten Hörspiel, kam er 1972 diesem Ideal ziemlich nahe. Sein letztes Stück, radikal in seiner (Sprach-)Skepsis und Sinnverweigerung, steht noch dem Existenzialismus und absurden Theater nahe und verweist formal bereits auf das "Neue Hörspiel" der Siebziger. Eine junge Frau unterhält sich mit dem Dichter Seume und einem gleichnamigen Bauern, der ihr Kartoffeln liefert: Zwischen Traum und Wirklichkeit, kreatürlicher Erdenschwere und poetischer Gedankenflucht spekuliert Ottilie über eine fünfte Dimension der Zeit. Gegen die Schwerkraft des Kartoffelsacks, gegen Vergänglichkeit und Tod ist man machtlos: Ottilie endet im Irrenhaus; Eich starb wenig später in Salzburg.

 

Martin Halter

 

— Die HörBar zu Günter Eich findet heute um 20 Uhr im Kommunalen Kino Freiburg, Urachstraße 40, statt.

 

 


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