Nichtschwimmer
Gewinner-Kurzgeschichte von Paulien Schmid
Kinga kaute lautstark und gelangweilt auf ihrem blaufarbigen Kaugummi herum und ging mir, wie so oft, tierisch auf die Nerven. Seit sie heute Morgen mit ihrer Mutter auf einen Besuch hereingeschneit war, wich sie mir nicht von der Seite.
Sie hing auf dem Sofa herum und erinnerte mich dabei stark an ihre Mutter. Mit jedem Mal, wenn sie mich in Tabuk besuchte, wurde die Schicht Schminke in ihrem jungen Gesicht dicker. Und mit jedem Mal wurde sie unausstehlicher. Es war gemein, seine 15-jährige Nichte als unausstehlich zu bezeichnen, doch es war nun mal so.
Ich versuchte, ihrem Blick auszuweichen, und beobachtete deswegen durch das Fenster, was sich auf der sandigen Dorfstraße abspielte. Die Nachbarsfrau führte ihren Esel Oscar zwischen den verwelkten Sonnenblumenfeldern herum. Von der Puszta blies ein starker Herbstwind, der die letzten braunen Blätter von den wogenden Stängeln riss. Die alte Frau war, wie die meisten Einwohner, gekennzeichnet vom harten, arbeitsreichen Leben als Bäuerin. Ihre Buckel war gewaltig, aber an derartige Anblicke hatte ich mich gewöhnt, schließlich war die junge Generation, so wie meine Schwester, fast vollständig in die großen Städte abgewandert. Ich mit meinen 35 Jahren ging noch als junger Spund durch.
"Cool hier" , warf Kinga nach längerem Schweigen ein, während sie sich den Kaugummi um ihre Zeigefinger zwirbelte. "Unser Garten ist nicht mal halb so groß wie deiner, Janosh. Und bei uns ist alles weiß und so aufgeräumt. Einen Esel, wie der da von der alten Frau, würde man in Budapest doch eh nie sehen."
Anushka, meine Schwester, schaute provozierend zu mir herüber und meinte: "Ich kann mich gut daran erinnern, wie du uns früher jahrelang genervt hast mit der Idee, in die Stadt zu fahren. Und du wolltest am besten gleich in eine ganz Große! Wie alt warst du da noch mal, 15?" "Ich war beinahe 17" , entgegnete ich kühl.
"Du wolltest schon immer eine extra Wurst" , sagte meine Schwester seufzend.
Es verärgerte mich, wie sie über mich sprach. Nie hatte sie es auch nur versucht, sich in mich hinein zu versetzen.
"Ich wollte mich eben nie mit dem, was ich hier vorfand, zufrieden geben" , brummelte ich. "Mit dem Gedanken, dass Tabuk alles war konnte ich mich eben nur schwer anfreunden." Ich trank den letzten Schluck Barack aus dem Glas. "Du hattest hier ja all deine Freunde. Ich wollte woanders hin." "Und dann kam Cousin Béla!" Anushka rollte mit den Augen. Im selben Moment donnerte der hölzerne Fensterladen mit einem lauten Schlag gegen die Scheibe.
Ich schwenkte gedankenverloren das leere Glas und redete vor mich hin. "Béla kam mir mit seinen 21 Jahren schon so verdammt überlegen vor. Ich dachte damals, dass er genau das in sich trug, was ich fühlte. Die Großstadt! In mir lebte damals eine Großstadt. Meine Gedanken waren wie Autos und Busse, die Ideen wuselten wie Menschenmassen durcheinander. Wenn ein Unfall passierte, entstand ein noch größeres Chaos, das die Straßen meines Verstandes verstopfte. Ich wollte mit dieser Stadt nicht länger in Tabuk bleiben. Hier war ich in der weiten Landschaft eingeengt und in den kleinen Häusern verloren."
Anushka ließ sich auf dem Sofa neben Kinga nieder. Sie war still. Selten hatte sie mir nur drei Minuten zuhören können. Ich brabbelte weiter vor mich hin. "Ich stand sozusagen knietief im Meer. Doch das Wasser bewegte sich nicht. Keine Wellen. Nur ab und zu ein leichtes Schaukeln. Ich stand da und wollte unbedingt weiter raus, konnte jedoch nicht. So konnte ich nie ertrinken, auch wenn ich es mir wünschte."
Es war schon fast vollständig dunkel im Zimmer und es fiel mir leichter zu erzählen, wenn ich die Gesichter der Anderen nicht mehr genau vor mir hatte. Vielleicht lag es auch am Schnaps, dass ich an diesem Abend ungewöhnlich viel von mir Preis gab. "Bela war meine Chance in die Stadt zu kommen. Der Überlandbus war voll besetzt mit skurrilen Gestalten. Die Fahrt dauerte ewig und ich war mir wirklich nicht sicher, von welchem der Fahrgäste dieser penetrante, säuerliche Geruch herkam. Der Bus schaukelte so sehr, dass ich auf dem verfleckten Sitz hin und herrutschte und auch mehrmals mit dem Kopf gegen die Scheibe schlug. Budapest war dann ganz anders, als ich es mir ausgemalt hatte. Die Menschen sahen anders aus als die Bewohner Tabuks, doch wirklich faszinieren taten sie mich nicht. Ich irrte den gesamten ersten Tag herum. Lief über die Donau von Buda nach Pest. Ich suchte und suchte. Aber wonach? Ich stand vor alten Kirchen, auf dem Burgberg, schlenderte durch Einkaufsmeilen. All das war interessantes Neuland für mich. Aber ganz und gar nicht das überwältigende Gefühl, das ich erwartet hatte. Nichts harmonierte mit mir und meiner Seele, meinen Gedanken. Deprimiert kehrte ich am ersten Abend in die Jugendherberge zurück. Béla hatte an diesem Abend eine Verabredung mit seinen Freunden. Junge, hippe Musiker, mit denen er durch Undergroundbars zog."
Erst jetzt fiel mir auf, dass Kingas Kaugummischmatzen, das fast den ganzen Tag den Raum erfüllt hatte, schon vor einer Weile verstummt war. Ob sie nun schlief oder nicht, was spielte das noch für eine Rolle. Ich brabbelte weiter vor mich hin. "Um mich vom Frust abzulenken, ging ich am Abend mit ins nächtlichen noch immer von Stimmengewirr und Musik erfüllten Budapest. An einen von Bélas Freunden, genannt Ratte, kann ich mich noch gut erinnern. So was wie ihn hatte ich vorher noch nie gesehen. Er nannte sich Punk. Sein Haar war fast ganz abrasiert bis auf einen schmalen grünen Streifen, den er, wie er erklärte, mit Zuckerwasser, in die Höhe gestellt hatte. Er trug enge, karierte Hosen zu mächtigen Stiefeln und einer schwarzen Lederjacke, an der so viele Bierdeckel, Ketten und anderer Krimskrams baumelte, dass er nicht nur aussah wie ein Weihnachtsbaum sondern auch bei jeder Bewegung so klang.
Völlig benommen tat ich etwas wirklich Dummes, aber mein Gott. Ich war 16. Mir war zwar durchaus bewusst, was für einen Mist ich baute, doch zu diesem Zeitpunkt war es mir völlig gleich. Ich hab diese Pille ohne weiteres geschluckt genauso wie Béla, Ratte und die anderen." Erst jetzt bemerkte ich richtig, dass niemand außer mir noch etwas sagte. Ich hörte Kingas gleichmäßiges Schnaufen. Sie war tatsächlich eingeschlafen. Doch die Umrisse von Anushkas Kopf waren noch zu erkennen. Sie saß noch immer aufgerichtet da. Draußen bellte derweil ein Hund. Es war ungewöhnlich um diese Uhrzeit überhaupt noch ein Geräusch von Tabuks Straßen wahrzunehmen.
"Ach, es war echt beschissen. Die Wirkung der Droge setzte schnell ein, wie ja zu erwarten. Ich fühlte mich überhaupt nicht besser. Aber dann kam es erst doppelt schlimm. Wir turnten keine halbe Stunde später nämlich auf einem Dach herum. Genauer gesagt auf dem Dach der Firma, die dem, ich zitiere: "Kapitalistenarsch" , dem Vater eines dieser Musiker gehörte." Ich stieß ein "hmpff" hervor, als ich zurück dachte, wie zugedröhnt und verloren ich damals war.
"Hör doch auf, das alles zu erzählen. Hör jetzt auf" , sagte meine innere Stimme. Als hätte ich je auf sie gehört! Es brach einfach weiter aus mir heraus: "Diese Nacht endete tragisch. Es endete so, dass ich fluchtartig davon stürmte. Wirklich, ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich es in diesem Zustand noch alleine in die Herberge zurückschaffte. Im Bett hörte ich wieder Rattes Schrei. Er war ausgerutscht. Er war vom Dach gefallen! Ich hatte es nicht genau wahrgenommen. Aber es hatte etwas Wichtiges ausgelöst. Die restliche Nacht habe ich nicht geschlafen. Béla kam nicht zurück. Ich habe ihn in Budapest nicht mehr gesehen, denn ich nahm am Mittag den erst besten Zug Richtung Tabuk. Er war noch voller als der Bus und es herrschte weit mehr Hektik. Auch die Fahrt kam mir doppelt so lang vor. Oder hatte ich mir das nur eingebildet? Ich hatte keinen Platz mehr in einem Abteil bekommen. So kauerte ich am Boden im Gang. Ich hatte begriffen, dass diese traumhafte Großstadt nur in meinem überfüllten Kopf existierte. Was für eine Illusion, die mich jedoch lange Jahre in Tabuk hatte hoffen lassen."
Endlich drang Anushkas Stimme vom Sofa gegenüber durch die Dunkelheit zu mir. "Aber siehst du. Du bist wieder hier in Tabuk gelandet. Vielleicht war es so für dich vorgesehen." Es war wie ein Tritt in den Bauch. Hatte sie denn gar nichts verstanden? Mein Verstand wollte heute Abend eigentlich gar nicht so viel erzählen. Vielleicht hatte ich insgeheim gehofft, dass eine Schwester ihren Bruder verstehen kann.
Ich stand jetzt immer noch knietief im Meer. Ich hatte den Versuch aufgegeben zu ertrinken, und ich hatte verdammt noch mal den Versuch aufgegeben, weiter raus zu schwimmen!
Ich stellte das Glas auf den rustikalen Wohnzimmertisch und schleppte mich träge in Richtung Schlafzimmer. Wahrscheinlich war ich nur ein verrückter Mann mit verrückten Gedanken.
Am nächsten Morgen waren Anushka und Kinga nicht mehr da. Nur der Esel Oscar starrte mich, genauso wie Kinga am Tag zuvor, mit einem ausdruckslosen Blick durch das kleine Küchenfenster an.

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