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Badische Zeitung vom Dienstag, 21. November 2006

Beatmung mit Frischluft

Literaturgespräch: Diskussion über Gegenwartsliteratur

 



Angelika Overath(FOTO: OHLBAUM)

Nach zwei Tagen Lesungen von 13 Autoren hätten Ermüdungserscheinungen nicht erstaunt, aber auch zur Abschlussdiskussion des 20. Freiburger Literaturgesprächs strömten zahlreiche Zuhörer in den SWR-Schlossbergsaal. Über "Konturen — Deutsche Gegenwartsliteratur" diskutierten auf Einladung des Literaturbüros, des SWR und des Kulturamts die Autoren und Kritiker Angelika Overath, Sybille Lewitscharoff und Helmut Böttiger zusammen mit Ludwig Krapf, seit vier Jahren Kulturdezernent in Bonn. Die Moderation hatte der Schweizer Publizist Martin Zink.

 

Nachdem rasch klar war, dass es "die" deutsche Gegenwartsliteratur nicht gibt, schälten sich als allgemein zu beobachtende neuere Entwicklungen heraus, dass die meisten Texte der letzten Jahre zugänglicher seien als die vor 20 Jahren publizierten, dass sie sich international in größere Zusammenhänge stellten und insgesamt, wie Lewitscharoff formulierte, eine "heimliche Frischluftbeatmung" durchlaufen hätten. Größere Offenheit bedeutet freilich auch, dass Literatur inzwischen unweigerlich verwoben ist in die allgemein herrschende Pop-, Event- und Medienkultur. Von hier war es nicht weit zur sich wandelnden Funktion von Literaturkritik und -agenten, dem Profilverlust der Verlage und der Bedeutung literarischer Ausbildungsstätten wie des Literaturinstituts in Leipzig.

 

Grundiert waren die kontroversen Positionen unausgesprochen von der Gretchenfrage: Was ist gute Literatur, was ist ein gelungener Text? Darüber gingen am Ende der Diskussion die Meinungen massiv auseinander. Während Lewitscharoff und Böttiger energisch nur jene Literatur gelten ließen, die sich radikal um Vervollkommnung bemühe und so geschrieben sei, dass es anders nicht geschrieben sein könne, plädierte Angelika Overath für mehr Bescheidenheit. Sie machte geltend, dass Leser verschiedene Echoräume hätten und Bücher unterschiedlicher Textur und Qualität ihre Berechtigung und Wirkung.

 

Eine Entscheidung darüber, ob auch einem Roman von Courths-Mahler jene Verwandlungskraft innewohnen könne, die aus seinem Leser, zumindest für Sekunden, einen anderen Menschen mache, oder ob es dafür nicht doch der Ausgefeiltheit eines Reinhard Jirgl oder Wolfgang Hilbig bedürfe, blieb erwartungsgemäß aus. Einigkeit aber herrschte darüber, dass das Freiburger Publikum in ungewöhnlicher Weise bereit sei, sich auch auf sehr anspruchsvolle Texte einzulassen. Dass es dafür nur eines Raumes sowie des mit der Stimme des Autors vorgetragenen Textes bedürfe und nicht einer Lesung im Leichenschauhaus oder in der Kanalisation — Events, von denen Krapf aus Köln zu berichten wusste. Die Liebe zu den Texten und der Respekt vor den Autoren machten die Freiburger Literaturgespräche auch für die geladenen Autoren, die zudem, wie Lewitscharoff betonte, ungeheuer gastfreundlich empfangen worden seien, zu einem wohltuenden Erlebnis.

 

Gabriele Michel

 


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