Den "Weltern" entkommt man nicht
Geglückte Auswahl, ergiebige Gespräche: Das Freiburger Literaturgespräch zeigte sich bei der 20. Ausgabe in Hochform 
Zahlen zählen nicht, wo es um Wörter geht. Der Symbolkraft von so genannten runden Zahlen kann sich aber selbst ein Autorentreffen nicht entziehen. Das 20. Freiburger Literaturgespräch war ein besonderes — nicht, weil Martin Walser es mit einer belagerten Lesung im Ratssaal eröffnete und damit der Bogen geschlagen war zum Ursprung der Veranstaltung im November 1987. Die Auswahl der zwölf Schriftsteller, die an zwei Tagen dem zahlreichen Publikum ihre Texte vorstellten, schien in diesem Jahr besonders geglückt zu sein, die Moderatoren besonders gut vorbereitet, die Gespräche nach den Lesungen besonders ergiebig: Mag sein, dass sich so etwas wie eine zarte Jubiläumsstimmung unter das Literaturgespräch legte, um es zu beflügeln — fern von Ermüdungserscheinungen hat es demonstriert, was in ihm steckt.
Und was es, wie die Gastautoren mit nicht nachlassendem Nachdruck bestätigen, aus vergleichbaren Unternehmungen auf dem Feld der Literatur heraushebt — weder Massenevent noch rituell erstarrte Lesung, sondern ein anregender Austausch zwischen Autoren und Lesern, aber auch zwischen den Akteuren untereinander. Man hat sich im Lauf der Jahre von Fesseln befreit — da ein Dialog mit dem Publikum nur schleppend zustande kam, wurde er eingestellt; auch die bemühte Verklammerung von zwölf Individuen durch ein zwangsläufig schwammiges Thema wurde fallen gelassen. 
Jetzt ist es am Zuhörer, selbst Verbindungen zwischen den Texten zu knüpfen. In einem Fall schienen sie fast unvermeidlich, so verblüffend war die Übereinstimmung in der Wortwahl. Sowohl der in Santa Monica geborene, in Paris lebende jüdische Schriftsteller und Drehbuchschreiber Peter Stephan Jungk als auch die in Tübingen lebende Autorin Angelika Overath definieren in ihren neuen Romanen die Eltern als "Weltern" : ein wunderbarer Neologismus für die Unausweichlichkeit einer Beziehung, die im Leben jedes Menschen die erste ist. Damit hört — naturgemäß — die Gemeinsamkeit auf. Während Jungk in "Die Brücke über den Hudson" die mythische Triade aus totem Vater, Übermutter und Sohn mit umwerfender Verzweiflungs komik in ein überwältigendes Bild fasst, gelingt es Overath in "Nahe Tage. Roman in einer Nacht" , die Verstörungen einer radikal misslungenen Einkindehe in Details wie zwei grasgrünen Granny-Smith-Äpfeln dingfest zu machen. Angelika Overath ist durch ihre so atmosphärisch dichten wie präzisen Reportagen bekannt geworden: Die ihrem Schreiben eigene Poesie kommt schon, wie Moderatorin Annette Pehnt hervorhob, in Titeln wie "Vom Sekundenglück brenndender Papierchen" zum Ausdruck; und wer käme schon auf die Idee, die Jungfrau Maria als "Handtasche Gottes" zu bezeichnen?
Jungk und Overath darf man zu den Entdeckungen des 20. Literaturgesprächs zählen; ebenso den ebenfalls in Tübingen lebenden Lyriker Nico Bleutge, der vor wenigen Wochen seinen bereits gerühmten Debütband vorgelegt hat. Dass Bleutge in "Klare Konturen" auf ein lyrisches Ich verzichtet, führt ins Zentrum seines poetologischen Anliegens, das Moderator Thomas Geiger als "Hochpräzisionsbeschreibung" charakterisierte: Wahrnehmend und schreibend im Wahrgenommenen aufzugehen, nicht um die Grenzen zu verwischen, sondern um eine umso größere Trennschärfe zu erreichen.
Auch der Schweizer Michel Mettler und der Slowake Michal Hvorecky haben noch nicht die allergrößten Kreise um sich gezogen. Zwar stellte Mettler mit seinem Romandebüt "Die Spange" im Frühjahr einen der Spitzentitel bei Suhrkamp, doch dessen Szenario ist zu bizarr, um sich beim großen Publikum durchzusetzen: In der Mundhöhle eines gewissen Anton Windl entdeckt ein Zahnarzt Reste einer prähistorischen Anlage — was folgt, ist eine Mischung aus Wissenschaftssatire, phantastischem Roman und poetologischer Selbstreflexion. Hvorecky, der sich als mittelloser Mitteleuropäer beglückt über die Einladung nach Freiburg zeigte, entwirft in "City: Der unwahrscheinlichste aller Orte" ein "Supereuropa" der Zukunft, fest im Griff der Konzerne und des Internets: Sciencefiction, die von der Realität fast eingeholt erscheint.
Zum Geheimtipp der Feuilletons ist Kevin Vennemann, Jahrgang 1977, avanciert, nachdem sein Roman "Nahe Jedenew" in der Edition Suhrkamp erst wachgeküsst werden musste. In dem Text, der ein Judenpogrom aus der Sicht zweier Mädchen schildert, fallen Vergangenheit und Gegenwart zu einem bedrückenden zeitlosen Jetzt ineinander. In seinem neuen Roman "Mara Kogoj" , aus dem Vennemann auch las, versucht er den umgekehrten Weg einer genauen historischen und geographischen Situierung.
Ein weiterer Glanzpunkt war der Auftritt der aus Stuttgart stammenden Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die mit der Lesung aus ihrem assoziations- und wortgewaltigen Crossover von Popkultur und Theologie ("Consummatus" ) ebenso verblüffte wie durch Schlagfertigkeit im Gespräch mit Moderator Helmut Böttiger. Dass es in der heutigen Literatur so viele "trübe, zotige, monomane Alterswerke" gibt, weil es den Alten nicht gelinge, "ihren verfallenden Körper in eine höhere Sittlichkeit einzutragen" , hat man so noch nicht gehört.
Wen soll man noch nennen? Feridun Zaimoglu natürlich, dessen Theaterstück "Schwarze Jungfrauen" zurzeit in Freiburg zu sehen ist und der sich den Fragen von Moderator Achim Könneke nach Kopftuch und Islamismus mit der Bemerkung entzog: "Ich bin kein Türkenexperte" ; Thomas Hettche, ein nebenbei witzbegabter Entertainer, der sich in seinem jüngsten Roman "Woraus wir gemacht sind" und im Gespräch danach zu seiner Amerikafaszination ("Es gibt nur Amerika" ) bekennt; Felicitas Hoppe, die mit ihrer Annährung an Johanna von Orleans ("Johanna" ) so frisch und entschieden auftrat, als sei die kriegerische Jungfrau erst gestern verbrannt worden. Das Freiburger Literaturgespräch, so hat es eine Zuhörerin formuliert, sei ein Geschenk an die Bürger.
Bettina Schulte

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