Wenn Menschen spurlos verschwinden
Die anatolische Erzähltradition trifft Franz Kafka: Hasan Ali Toptas´ Roman "Die Schattenlosen"
Die türkische Literatur tritt langsam aus ihrem Schattendasein heraus. Nicht zuletzt weil der diesjährige Literaturnobelpreis zum ersten Mal an einen türkischen Schriftsteller geht, Orhan Pamuk, der seit der Übersetzung seines jüngsten Roman "Schnee" höchste Anerkennung gerade auch in Deutschland genießt. Der Schweizer Unionsverlag hat in seiner mehr als verdienstvollen Reihe "Türkische Bibliothek" nun Hasan Ali Toptas´ Roman "Die Schattenlosen" in deutscher Übersetzung herausgebracht.
Am Anfang dieser meisterhaft erzählten Geschichte, in der sich die Grenzen zwischen Traum und Realität scheinbar auflösen, steht das Verschwinden. Eine Kette mysteriöser Ereignisse durchzieht den Roman, dessen Schauplatz ein Dorf irgendwo in der Türkei ist. Es könnte aber auch ein Dorf in Süddeutschland sein. Nach und nach sind einzelne Dorfbewohner wie vom Erdboden verschluckt. Erst der Lehrling aus dem Friseursalon, dann die Dorfschöne. Der Bürgermeister ist ratlos.
Ebenso weiß der Leser noch nicht so recht: Ist das Realität oder doch nur die Fantasie eines Kunden, der sich im Spiegel des Friseursalons verliert? 
Das Verschwinden steht sinnbildlich für die Selbstentfremdung des Menschen, für den Verlust des Selbst. Diese Themen werden in der türkischen Literatur gewöhnlich in städtischen Milieus angesiedelt. Von einem Dörfler erwartet man keine Fragen nach dem Sein. Mit "Die Schattenlosen" bricht Hasan Ali Toptas mit den Klischees des türkischen Dorfromans und dem intellektuellen Existenzialismus-Roman. Er bringt zusammen, was in der Literatur nicht zusammenfinden soll: Tradition und existenzialistische Fragen, Fragen nach dem Sein, nach der Identität, der Wirklichkeit.
Der 1958 geborene Hasan Ali Toptas schafft Literatur, wie wir sie von Kafka und anderen "westlichen" Schriftstellern kennen. Er verwebt anatolische und westliche Erzähltradition zu einem vor sprachlicher Brillanz flirrenden Werk. Das macht das Lesen zu einem berauschenden Erlebnis. Toptas, für den das Schreiben lange auch eine Katharsis von seinen Erfahrungen als Gerichtsvollzieher war, schafft mehr als jedes türkisch-deutsche Literaturvorhaben leisten kann, ohne pädagogisch daherzukommen. Es ist Weltliteratur, die er uns präsentiert und mit der er die Liebe zur Sprache weckt. Ein Lob gebührt auch Gerhard Meier, der diesen magisch-soghaften Roman kongenial übersetzt hat.
Fatma Sagir
— Hasan Ali Toptas: Die Schattenlosen. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Unionsverlag. Zürich 2006. 256 Seiten. 19,90 Euro.
— Der Autor liest am Montag um 20 Uhr im Literaturforum Südwest, Alter Wiehrebahnhof, Freiburg. Gerhard Meier liest aus seiner Übersetzung, Murat Coskun begleitet die Lesung musikalisch.

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