Produktive Risse im Glashaus Abo
Donaueschinger Musiktage 1: Das Festival öffnet sich und überzeugt mit hoher Qualität
So allein auf dem Rasen wirkt der Mann wie ein exzentrischer Fußball- oder Sonst irgendwastrainer: helle Baseballkappe, grüner Wollschal, in den Händen rote Fahne und Stoppuhr. In der Tat könnte man bei Alvin Currans Gebaren an eine Sportveranstaltung denken, gäbe er Flagge schwenkend nicht das Kommando zum Beginn von Deutschlands renommiertestem Festival für zeitgenössische Musik: den Donaueschinger Musiktagen.
In der Tat hat der Auftakt vor der Erich-Kästner-Halle, deren gesamte Fläche mit einer Tribüne bebaut wurde, etwas Sportives. 270 Musiker aus sieben Blaskapellen rund um Donaueschingen stehen in einer Linie nebeneinander und warten auf des Komponisten Signal, um unter Getrommle in Richtung Halle zu schreiten. Gemäßigten Schrittes, behäbig — "wie ein Kondukt" kommt es einem mit einer Mahler´ schen Satzbezeichnung in den Sinn. Doch Currans´ "Oh Brass on the Grass Alas" ist kein Trauermarsch, zumindest kein ausschließlicher. Vielmehr entpuppt es sich als reichlich detailliert komponierter Stoßseufzer, als Hommage an die Blasmusik auf der grünen Wiese, die — nicht ganz ironiefrei — mit einem schräg harmonisierten Bach-Choral endet: "Es ist genug" . Ausrufezeichen, Fragezeichen.
Donaueschingen 2006: Das ist ein Festival, das nur en passant daran erinnert, 85 Jahre alt zu sein, und seinem Motto treu blieb: "Immer auf der Suche nach neuen Wahrnehmungsformen von Musik" , wie es sein Leiter Armin Köhler formuliert. Dass Suchen nicht einhergehen muss mit Finden, haben die Jahrgänge in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, aber eben auch, dass das keine Aufforderung sein kann, das Suchen aufzugeben. Denn auch wenn man dem Auftakt ein Schielen nach dem Event vorwerfen könnte, zählt doch weit mehr die Erkenntnis, dass die Musiktage sich vor Öffnung nicht scheuen. Das Glashaus Donaueschingen hat Risse bekommen, produktive Risse — in diesem Jahr besonders.
Das hängt weniger mit der Öffentlichkeitswirksamkeit manchen Projekts zusammen als mit einer Qualitätsdichte, in die sich mitunter ein — pardon — fast volkstümlicher Ton mischt. Etwa beim Konzert des Amsterdamer Schönberg Ensembles unter Reinbert de Leeuw, von dem neben dem — überflüssigen — Heimwerker-tauglichen Ausflug in die musique concrète des Russen Dmitri Kourliandski mit der klangechten Beschreibung eines Stahlturmbaus vor allem Kagel in Erinnerung bleibt — Mauricio Kagel. Der Altmeister musikalischer Irritation sprengt mit seinem "Divertimento?" einmal mehr die Grenzen von Konzert und Theater und führt in einer halbstündigen Farce die Psychologie von Orchestermusikern und Dirigenten vor: nicht ganz neu, aber von subtilem Witz und mit charmanten darstellerischer Leistungen der Musiker.
Keine Berührungsängste
zwischen E- und U-Musik
Auch beim Auftaktkonzert mit einem virtuos agierenden SWR-Sinfonieorchester unter dem langjährigen Freiburger Musikhochschulprofessor Arturo Tamayao zeigen sich unterschiedliche ästhetische Konzepte. Diesmal ist es ein Brite, der endlich wieder einmal für richtige Kontroversen sorgt: Richard Ayres´ viersätziges Werk "No. 37b" erfuhr nach seiner Uraufführung ebenso heftige Zustimmung wie Ablehnung. Die aberwitzige Suite, die harmonische und melodische Versatzstücke aus der Unterhaltungsmusik tollkühn mit- und gegeneinander verschränkt, zeugt in ihren kryptisch-surrealen Satzbezeichnungen von schwarzem Humor, aber auch von der angelsächsischen Unvoreingenommenheit, die Berührungsängste zwischen U- und E-Musik nicht kennt.
Auch Adriana Hölszkys "Flugmanöver" hat in der Disposition zweier "rotierender" , hochvirtuoser Soloklarinetten (atemberaubend: David Smeyers, Beate Zelinsky) und seines durch diese "ferngesteuerten" Orchesters beinahe etwas Haptisches. Wieder im Gegensatz dazu Bryan Ferneyhoughs neues großes Orchesterwerk "Plötzlichkeit" : die komplexe, durch des Komponisten Erläuterungen im Programmheft vollends mystifizierte Rhetorik macht die Materialblöcke der Partitur, in der die Vokalisen dreier Frauenstimmen eine interessante Rolle spielen, nicht leicht durchschaubar.
Vorläufiger umjubelter Höhepunkt des ersten Teils der Musiktage ist das Soloprogramm des famosen Arditti Quartets (Irvine Arditti, Ashot Sarkissjan, Ralf Ehlers, Lucas Fels). Nachhaltigen Eindruck hinterlässt es mit Saed Haddads "Joie voilée" , einem 15-teiligen ungemein stringenten Werk, das die Emotionalität melodischer Prozesse zum Bauprinzip erhebt. Ole-Henrik Moes "Lenger" ist in entgegengesetzter Technik konzipiert. Es setzt sich aus winzigen Icons zusammen, Bausteinen, die Veränderungen nur sukzessiv zulassen, wirkt durch ein gesteigertes Dauertremolo aber auch expressiv. Schließlich Wolfgang Rihm: Seine beiden Studien für Sopran (Claron McFadden) und Streichquartett "Akt und Tag" entpuppen sich als fast klassisches Nachtstück mit Seufzermotiven, Kantilenen und einer instrumentalen Stretta. Ein Bekenntnis zur abendländischen Musiktradition. Das könnte man auch aus Asmus Tietchens" mit dem Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst bedachten "Trois Dryades" in ihrer dem Impressionismus verwandten Grundhaltung herauslesen. Ebenso wie eine Neigung der Jury für diesen Komponisten elektroakustischer Musik — Tietchens erhielt den Preis bereits 2003.
Alexander Dick
— Die HörBar des Literaturforums Südwest stellt "Trois Dryades" am 23.10.2006 um 20 Uhr im Kommunalen Kino Freiburg vor. 
|