unterstützt von
Walthari - Die Buchhandlung in der Universität
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom Freitag, 22. September 2006

Ein Zug aus der Ukraine

Eine Deutschland-Reise junger Autoren startet in Freiburg

 

Mit einem zweitägigen Literaturfestival im Freiburger Alten Wiehrebahnhof startet am Samstag eine Deutschland-Tournee von 13 jungen ukrainischen Autoren. Träger des groß angelegten Projekts mit dem Titel "Zug 76" sind die Robert-Bosch-Stiftung und das Literaturbüro Freiburg. Stefan Tolksdorf sprach mit dessen Leiterin Stefanie Stegmann, die in Cernowitz als Lektorin gearbeitet hat.

 

 

BZ: Der Zug aus der Ukraine rollt an. Wie kam er auf die Schienen?

Stegmann: Meine Partnerin und Freundin Kateryna Stetsevych, Kulturmanagerin bei der Bosch-Stiftung, hatte die Idee, den virtuellen "Zug 76" — eine ukrainische Literaturzeitschrift mit Internetportal — real werden zu lassen. Tatsächlich rollte ein Zug dieses Namens früher von Danzig bis ans Schwarze Meer. Heute fährt er nur noch auf einer Strecke von 100 Kilometern. Unsere Autoren sitzen natürlich nicht in einem einzigen Zug, sondern treffen sich an fünf Stationen, in Freiburg, Stuttgart, Bonn, Greifswald und Berlin, zu Lesungen und Diskussionen.

BZ: Warum ist die ukrainische Literatur — mit Ausnahme von Juri Andruchowytsch — im übrigen Europa nahezu unbekannt?

Stegmann: Das Ukrainisch ist eben dabei, sich im eigenen Land gegen die Übermacht des Russischen durchzusetzen. Ein dynamischer Prozess, bei dem die jungen Autoren eine wichtige Rolle spielen.

BZ: Wer sind die Promoter dieser Literatur im Westen?

Stegmann: Übersetzerinnen wie Claudia Date, Sabine Stöhr, Katharina Rabe und Maria Weißenböck haben große Verdienste in der Vermittlung. Viele der jungen Autoren wurden erst im Zuge der orangenen Revolution wahrgenommen.

BZ: Was macht die Eigenart der heutigen ukrainischen Literatur aus?

Stegmann: Die meisten jungen Autoren schreiben in postmoderner Manier, ohne jede Rührseligkeit und mit analytischer Schärfe über brüchige Existenzen und die Mühen der Identitätsfindung in einer Gesellschaft, die sich erst langsam konsolidiert. Die politische Keule schwingt keiner, aber es werden Tabuthemen angefasst wie Sexualität und Drogen. Es geht um Grenzüberschreitung. In der Literatur geschieht etwas, das die offizielle Sprachenpolitik nicht vermag: das Ukrainische in den Köpfen zu verankern. Nehmen Sie den Lyriker Serhiy Zhadan, der es mit einem "Punk" -Sound schafft, Neugier auf eine Sprache zu wecken, die im eigenen Land vielerorts Fremdsprache ist.

BZ: Gibt es in der Ukraine eine ausgeprägte Lesekultur?

Stegmann: Der Großteil des Landes ist unterversorgt, das Verlagswesen ist lokal ausgerichtet und die Lieferfristen für Bücher sind lang. Andererseits werden die jungen Autoren in der Ukraine wie Popstars gefeiert. Es gibt einen Hunger nach Literatur.

 

— "Zug 76" beginnt am 23. 9. um 20 Uhr mit Lesungen von Sofia Andruchowytsch und Taras Prochasko. Am 24. 9. ab 11 Uhr lesen Serhiy Zhadan, Michael Witkowski und Daniel Odija. Es moderieren Helmut Böttiger und Olaf Kühl. Um 15 Uhr findet eine Diskussion statt, und um 21.30 U hr legt DJ Shantel im Jazzhaus auf.

 


© 2005 beebox